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Interviews

Gastbeitrag von Thomas Beyer: Quartiersvereine schaffen! (1/2017)

Neubauprogramme müssen von Beginn an mit einem Sportkonzept verbunden
sein – das fordert Thomas Beyer in seinem Gastbeitrag für das ETV-Magazin
zur „Active City“. Der ehemalige Sportamtsleiter führt aus, warum Gemeinwohl
und Mitbestimmung ideal bei „Quartiersvereinen“ aufgehoben sind.

Vor gut fünf Jahren haben Senat und Bürgerschaft auf Vorschlag von Hamburger Sportbund, Olympiastützpunkt und Handelskammer Hamburg eine auf zehn Jahre angelegte „Dekadenstrategie Sport“ für Hamburg beschlossen, die wegweisend für die Sportpolitik der wachsenden Stadt geworden ist.

Die notwendigen „Hausarbeiten“ für eine attraktive Sportstadt Hamburg sollten
gründlich erledigt werden. Ziele waren nicht nur Events und Großveranstaltungen, erfolgreicher Spitzensport, sanierte und zusätzliche Sportstätten, sondern auch ein vielfältiger „Sport vor der Haustür“, um mit guten Sport- und Bewegungsangeboten für alle Bevölkerungskreise auch in den Stadtteilen glänzen zu können. Denn schon damals war klar: Hamburg wird weiter wachsen und durch den Zuzug hunderttausender Menschen das Problem bekommen, die sportliche Daseinsvorsorge für alle Bürgerinnen und Bürger bei knappen Flächen zu sichern.

Hamburgs Sportpolitik hat in den ersten Jahren der Dekadenstrategie viele der Aufgaben geschafft und dabei auch bittere Erfahrungen wie die gescheiterte Olympiabewerbung wegstecke müssen. Aber die Lust auf Sport und der Bewegungsdrang der Bürgerinnen und Bürger bleiben ungebrochen. Die Menschen strömen zum Sport und privatwirtschaftliche Angebote boomen ebenso wie die gemeinnützigen Sportvereine. Staatliche Sportflächen und -räume sind inzwischen dank internetgestützter Verwaltung hochgradig ausgelastet, teilweise müssen bereits Wartelisten geführt werden.

Ein entscheidender Lösungsansatz für mehr Sport und Bewegungsangebote ist dabei schon in der Dekadenstrategie formuliert: die Schaffung von großen, leistungsfähigen Quartiersvereinen für die einzelnen Stadtteile. Einige wenige Sportvereine wie zum Beispiel der ETV sind hier bereits seit Jahren erfolgreich unterwegs. Sie agieren als sogenannte „Quartiersvereine“ mit hauptamtlichen Mitarbeitern, hoher Organisationskraft und vereinseigenen Sportstätten erfolgreich für tausende Mitglieder. „Wir sind Eimsbüttel!“ ist dabei ein folgerichtiges, selbstbewusstes Motto und die Mitglieder wissen, was sie von
ihrem Sportverein und ihrem Wohnviertel haben.

Es gibt in Hamburg einige gewachsene, leistungsfähige Quartiersvereine, aber leider noch immer kein Entwicklungsprogramm für die „weißen Flecken“ im Stadtgebiet und die Neubaugebiete wie HafenCity, Neue Mitte Altona und die
Stadtentwicklung „Stromaufwärts an Elbe und Bille“.

Gerade in Neubaugebieten mit tausenden neuen Wohnungen und entsprechend vielen Neubürgern und Kindern kann man sich leicht ausrechnen, dass der Bedarf an Vereinssport noch größer sein wird als in gewachsenen Vierteln. Im Bundesdurchschnitt ist jeder vierte Erwachsene und jedes zweite Kind Mitglied in einem Sportverein – in Neubaugebieten sind aber alle Bewohner neu im Quartier, und entsprechend höher ist ihr Bedarf, sich durch Sport und Bewegung in „ihrem Verein“ schnell, erfolgreich und nachhaltig einzuleben!

Die Stadt wäre gut beraten, gemeinnützige Sportvereine bei den Neubauprogrammen nicht nur von vornherein mitzudenken, sondern auch durch entsprechende Sportbauten und Vereinszentren zu unterstützen. Dabei geht es nicht um flächenintensive Großfelder, sondern um Multifunktionsräume, Gymnastiksäle, Dojos, Fitnessstudios und Sporträume jenseits der DIN-Norm für Schulsportstätten auch in mehrstöckigen Gebäuden. Ein solches Investment der Stadt hätte auch den Charme, dass die Sportvereine als spätere Betreiber die Folgekosten tragen und neben den Bewegungsangeboten auch Gemeinwohl, Mitbestimmung und Bürgerschaft im besten Sinne realisieren.

Petra Schulz: „Hamburg kann den Bedarf an Kunstturnen manchmal nicht bedienen“ (4/2016)

Worauf freuen Sie sich bei der achten Auflage der Hamburg Gymnastics am meisten?
Wenn die ersten Turnerinnen in Hamburg ankommen, das Orga-Team zusammentrifft, von denen viele nicht in Hamburg wohnen, und wir am Mittwochabend die Sporthalle Wandsbek nach und nach in eine Turn-Arena verwandeln, sind das die schönsten Momente – jedes Jahr wieder! Ganz besonders freut mich der Start von einer, wahrscheinlich zwei Olympia Teilnehmerinnen aus Rio de Janeiro – wer das sein wird, verrate ich aber noch nicht.

Welche Rolle spielen Turnerinnen aus Hamburg bei den „Heim-Gymnastics“?
Für unsere Turnerinnen sind die Hamburg Gymnastics jedes Jahr ein Highlight! Einige ehemalige Bundeskaderturnerinnen wie Isabelle Marquard, Louisa Knapp und Jennifer Kießlich sind mit den Hamburg Gymnastics und dem Vorgänger Alsterpokal aufgewachsen und haben hier bei uns ihre ersten internationalen Wettkampferfahrungen gesammelt. In diese Jahr gehen wir erstmals mit einem Junioren-Team (12-15 Jahre) und einem so genannten Senioren-Team (ab 16 Jahren) für die TopSportvereine an den Start.

Anfang des Jahres war der Fortbestand der Gymnastics gefährdet. Wie sehen Sie die aktuelle Lösung mit den TopSportVereinen?
Für uns als ehrenamtliches Organisationsteam war der Wechsel zu den TopSportVereinen als Ausrichter und Veranstalter richtig und wichtig. Sonst hätte es die Hamburg Gymnastics nicht mehr gegeben. Die Zusammenarbeit mit den TopSportVereinen läuft sehr gut. Damit werden die Hamburg Gymnastics auf eine deutlich stärkere und breitere Basis gestellt. In diesem Jahr können wir mit Hilfe einiger TopSportVereine erstmals die beliebten Team-Patenschaften
und einen Abhol-Service für die Teams am Airport und Hauptbahnhof anbieten.

Bei den Olympischen Spielen hat Turnen recht viel Aufmerksamkeit bekommen. Schlägt sich das im „turnerischen Alltag“ nieder?
Interessanterweise bekommt das Turnen immer alle vier Jahre sehr viel Aufmerksamkeit bei und nach den Olympischen Spielen. In den Turnabteilungen
der Vereine ist nach den Olympischen Spielen auch immer eine größere Nachfrage nach leistungsorientiertem Turnen spürbar. Leider ist es in Hamburg in vielen Vereinen so, dass wir den Bedarf dann manchmal gar nicht bedienen können! Es fehlt an der richtigen Geräteausstattung, denn in kaum einer Hamburger Turnhalle gibt es zum Beispiel einen Spann-Stufenbarren nach aktuellem Standard oder eine Bodenturnfläche mit Stahlfederkonstruktion.
Selbst Schwebebalken oder moderne Sprungtische mit den dazugehörigen Mattensätzen und leistungsfähigen Sprungbrettern sind in Hamburg eher rar.

Fünf Fragen an Anne Reifkogel (ETV Magazin 2/2016)

 

Seit Januar ist Anne Reifkogel die neue Aufsichtsratsvorsitzende unseres Vereins. Das ETV-Magazin bat sie zum Gespräch.

Welchen Sport übst du im ETV aus?
Fechten, am liebsten mit dem Degen, mit dem ich 2011 auch Hamburger Meisterin geworden bin. Mit dem Fechten habe ich schon als Kind begonnen, allerdings in meiner süddeutschen Heimat.

Wo finden eigentlich die heftigeren Gefechte statt: Auf der Planche oder im Aufsichtsrat?
Auf der Planche geht es darum, zu gewinnen und seinen Gegner zu besiegen. Dabei ist man in der Regel auf sich alleine gestellt. Beim Aufsichtsrat geht es darum, gemeinsam als Team Lösungen zu erarbeiten. Dabei wird mitunter intensiv und kontrovers diskutiert, bisher immer mit guten Ergebnissen.

Wann und warum hast du dich dazu entschlossen, dich für den Aufsichtsrat zu bewerben und nun den Vorsitz zu übernehmen?
2013 waren drei Mandate im Aufsichtsrat neu zu besetzen. Gesche Reimers aus dem Vorstand der Fechtabteilung hat mich angesprochen, ob ich mich nicht zur Wahl stellen möchte. Da ich den ETV klasse finde und die Aufgabe spannend klang, war wenig Überzeugungsarbeit nötig. Als dieses Jahr der Vorsitz neu vergeben wurde, haben Nina Willenbrock und ich uns als Team zur Wahl gestellt.

Wie lange bist du schon im Verein und was bedeutet der ETV für dich?
Ich bin seit November 2009 beim ETV. Als ich nach längerer Pause wieder mit dem Fechten begonnen habe, wurde ich sofort in das Vereinsleben integriert. Mittlerweile ist der ETV viel mehr als nur mein Sportverein. Es macht mir Spaß, die Entwicklung des Vereins mitzuerleben und mitgestalten zu können.

Welche Herausforderungen hat der Verein in den nächsten zwei Jahren zu bewältigen?
Der ETV hat eine lange Tradition und ist eine Institution in Eimsbüttel und Hamburg. Diese Tradition zu wahren und gleichzeitig den Sprung in die Zukunft zu schaffen, also wettbewerbsfähig zu bleiben, ist eine Herausforderung, mit welcher sich der ETV befasst. Hierauf zielen beispielsweise die Renovierung der Bundesstraße 96 ein, aber auch die Gründung der ETV KiJu, welche sich sehr erfolgreich um die Nachmittags- und Ferienbetreuung an Hamburgs Schulen kümmert.

„Wir wollen die Halle mit Weiß-Roten Farben füllen.“ (ETV Magazin 1/2016)

16 Teams treten ab dem 17. Januar bei der Handball-Europameisterschaft in Polen an. Der Trainer des HSV-Handball steht dabei besonders im Blickpunkt: Michael Biegler, 54, hat nämlich auch als Chef der polnischen Nationalmannschaft das Sagen. Patrick Kiefer sprach für das ETV-Magazin mit dem Mann, der vor seiner Karriere Mathematik studierte, sich sein Studium als Taxifahrer finazierte und der jetzt vom Einzug ins EM-Finale träumt.

Herr Biegler, Sie sind seit 30 Jahren Handball-Trainer. War dieser Berufsweg immer ihr erklärtes Ziel?
Absolut nicht. Ich wollte Lehrer für Sport und Mathematik werden. Weil es Mitte der Achtziger aber für zwei Jahre keine Referendariatsstellen gab, wechselte ich den Studiengang und wurde Diplom-Sportlehrer.

Haben Sie selbst hochklassig gespielt?
Nein. Ich komme aus der Leichtathletik und habe nur in der Verbandsliga gespielt. Mein Berufsweg wurde von glücklichen Umständen geprägt.

Was heißt das konkret?
Während des Studiums fuhr ich Nachts Taxi. Das wirkte sich nicht positiv auf meine Leistungen aus. Erst als ich an der Sporthochschule in Köln studentische Hilfskraft wurde, änderte sich einiges. Ich lernte interessante Leute aus dem Handball kennen und begeisterte mich mehr und mehr dafür. Als Co-Trainer durfte ich in über zwölf Jahren für Experten wie Heiner Brandt, Hans-Dieter Schmitz, Arno Ehret, Peter Sichelschmidt und Günter Klein arbeiten. Von ihnen habe ich sehr viel gelernt.

Der HSV gewann 2013 die Champions League, gehört nach einem Umbruch aber nicht mehr zu den Top-Drei in der Bundesliga. Wie sieht Ihre Arbeit aus?
Die Zeit der Superstars ist momentan vorbei und die neue Mannschaft macht einen überragenden Job. Sie ist fokussiert und hat eine neue Trainings- und Spielphilosophie schnell angenommen.

Was bekommen die Fans in der Barclaycard-Arena geboten?
Alles was Handball ausmacht. Schnelligkeit, Dynamik, den Kampf Mann gegen Mann, viele Tore und spektakuläre Torwart-Paraden. Die Attraktivität der Sportart wird immer noch verkannt und live macht Handball einfach noch mehr Spaß als vor dem Fernseher.

Vom 17. bis zum 31. Januar findet die Handball-EM in Polen statt. Wie wurden Sie eigentlich Trainer der Auswahl des Gastgebers?
Die Stelle war ausgeschrieben und ich habe mich darauf beworben.

Mit welcher Zielsetzung gehen Sie in das Turnier?
Wir wollen ins Halbfinale kommen. Das muss vor der heimischen Kulisse unser Anspruch sein. Was letztlich am Finalwochenende passiert, ist völlig offen. Oft entscheiden Zentimeter. Da steckt man nicht drin. Wir wollen die Halle in Krakau bis zum Schluss mit Weiß-Roten Farben füllen – das ist unser Ziel.

Der Heimvorteil kann auch belastend wirken…
Ich empfinde keinen unangenehmen Druck. Die Mannschaft hat sich toll entwickelt, sie kann auf Erfolgserlebnisse zurück blicken und wenn über 15.000 Fans vor dem Spiel à cappella die Hymne singen, kriegt auch der Letzte eine Gänsehaut. Euphorie alleine wäre allerdings nicht der richtige Berater. Das konnte jeder bei Fußball-WM in Brasilien sehen.

Sie sprechen kein Polnisch. Wie funktioniert die Kommunikation?
Die Spieler verstehen mich auch so sehr gut. Viele sprechen gut Deutsch und ich habe in Jacek Będzikowski einen Co-Trainer, der meine Ausführungen fast simultan übersetzt.

Wer redet, wenn Sie eine Auszeit nehmen?
Es gibt kein Sprachgewirr. Ich spreche. Jacek übersetzt. Die Sprache ist kein Problem.

Danke für das Gespräch und viel Erfolg bei der EM und mit dem HSV.

ETV-Olympiakampagne: "Etwas Besseres kann dem Sport nicht passieren" (ETV-Magazin 4/2015)

Seit Ende September läuft die Kampagne „Unser Feuer brennt in Eimsbüttel. Wir sind für die Spiele“, mit der der ETV sich für eine Hamburger Olympiabewerbung ausspricht. Vor dem Referendum am 29. November beantwortet der Vorsitzende Frank Fechner die wichtigsten Fragen rund um mögliche Spiele in Hamburg, Eimsbüttel und den ETV.

Was würden Olympische Spiele in Hamburg für Eimsbüttel bedeuten? Olympische und Paralympische Spiele sind das größte Sportfest der Welt. Sie würden die Bekanntheit Hamburgs weltweit enormsteigern. Wir würden Gastgeber für die besten Athleten der Welt sein. Das finde ich eine faszinierende Vorstellung und eine enorm reizvolle Aufgabe. Eimsbüttel ist einer der beliebtesten innerstädtischen Stadtteile Hamburgs. Wir werden Olympia nicht nur „erleben“, wir werden Olympia leben.

Und für den ETV im Besonderen? Werden wir Olympiasieger erleben, die zuvor in den Hallen und auf den Plätzen unseres Vereins trainiert haben?

Als größter Breiten- und Wettkampfsportverein Hamburgs hoffen wir natürlich, dass wir eigene Athleten bei den Spielen 2024 am Start haben werden. Dafür arbeiten einige unserer Top-Talente, und wir unterstützen sie dabei nach Kräften. Im Beachvolleyball haben wir neben dem amtierenden U18-Europameister Julius Thole mehrere weitere Talente in unseren Reihen. Auch unser Wasserball-Nachwuchs, die ETV-Perlen, entwickeln sich sehr gut. Also, wir haben eigene Talente imVerein, aber wir haben der Stadt Hamburg natürlich auch angeboten, unsere Sportstätten in das Trainingsstättenkonzept für Olympiaaufzunehmen. Es wäre doch großartig, wenn wir die Bestender Besten bei uns hautnah zum Training begrüßen können. Derzeitist die ETV-Sporthalle Hoheluft als Trainingsstätte für Judo oder Fechten im Gespräch. Der Softballplatz an der Hohen Weide und der Baseball-Park am Langenhorst könnten hinzukommen, wenn Softball und Baseball in das olympische Programm aufgenommen werden.

Die weltweiten Wanderungsbewegungen sind ein viel größeres und ganz anderes Thema als Olympia. Dennoch: Lässt sich das Engagement des ETV für Flüchtlinge nicht auch als guter Test für die Herausforderungen Olympischer Spiele betrachten?

Sport ist ein extrem wichtiger Integrationsmotor. Sport funktioniert weltweit nach den gleichen Regeln, da muss man nicht unbedingt die gleiche Sprache sprechen können, man muss nur die Regeln kennen, und die sind überall die
gleichen. Fairness und Respekt sind sportliche Werte, die wir bei unseren Bemühungen um die Integration von Flüchtlingen mit Leben erfüllen wollen. Deshalb haben wir nach den Sommerferien in kürzester Zeit ein Sportprogramm für Flüchtlinge konzipiert. Wir wollen die Flüchtlinge bewegen, wollen
ihnen Spiel, Spaß und Geselligkeit im und durch den ETV anbieten.
Ich sehe überhaupt keinen Widerspruch zwischen Olympiabewerbung
und Flüchtlingshilfe, ganz im Gegenteil: Beides sind große Herausforderungen, die wir annehmen sollten und an denen unsere Stadt wachsen wird.

Integration und Inklusion sind beim ETV von großer Bedeutung. Kann Olympia auch diesen Zielen dienen?
Wir versuchen beim ETV, soviel Inklusion wie möglich, ein Projekt, das wir über mehrere Generationen denken und verfolgenmüssen. Es gibt bei den Olympiaplanern die Absicht, nicht nur inklusive Spiele zu organisieren, sondern den neuen Stadtteil Olympic City vollständig inklusiv zu bauen. Das bedeutet dann zum Beispiel, dass nicht mehr nur einige Türen rollstuhlgerecht, also breiter sind, sondern dass alle Türen breit genug sind. Jeder Ort soll für jeden Menschen erreichbar sein. Was für eine einfache, aber auch geniale Vorstellung. Das wäre weltweit einmalig. Insofern glaube ich, dass uns Olympia und Paralympics dem Ziel der inklusiven Stadt ein großes Stück näher bringen.

Der ETV hat eine Pro-Olympia-Kampagne unter dem Motto „Unser Feuer brennt in Eimsbüttel. Wir sind für die Spiele“ initiiert. Was war die Motivation?
Das Hamburger Konzept baut nicht nur auf große Nachhaltigkeit, sondern auch auf die Unterstützung der sportbegeisterten Hamburgerinnen und Hamburger. Es soll eine Bewerbung aus dem Sport heraus sein, die von sehr vielen in der Stadt getragen wird. Diesen Ansatz haben wir in den Gremien des ETV diskutiert und uns entschlossen, unsere Unterstützung offensiv anzubieten. Ja, wir wollen die Spiele nach Hamburg holen! Die Sportlerinnen und Sportler unserer Kampagne kommen alle aus dem ETV. Sie sind Breitensportler und Leistungssportler, Junge und Ältere. Alle sind leidenschaftliche Befürworter der Olympiabewerbung.

Am 29. November stimmen die Hamburgerinnen und Hamburger ab. Ein Hauptargument gegen die Bewerbung ist die Befürchtung überbordender
Kosten. Können Sie diesen Einwand nachvollziehen?

Die Befürchtung kann ich nachvollziehen, selbstverständlich. Und natürlich
werden die Spiele viel Geld kosten, keine Frage. Das Besondere
an dem Hamburger Konzept ist aber die Tatsache, dass mit Olympischen und Paralympischen Spielen eine Stadtentwicklung möglich wird, die es sonst nicht geben würde, wie etwa die Bebauung des Kleinen Grasbrook mit 8.000 inklusiven Wohnungen oder der Bau der U4 nach Wilhelmsburg. Diese Investitionen würden zu erheblichen Teilen vom Bund mitfinanziert werden, sodass man sie eigentlich nicht als Veranstaltungskosten betrachtendarf. Die für Olympia notwendigen Investitionen in die Sportstätten begrüße ich ausdrücklich. Alle Sportstätten in der Stadt sollen leicht mit dem Fahrrad erreichbar sein. Hamburg wird mit Olympia also auch einen erheblichen Schritt in Richtung einer fahrradgerechten Stadt machen.

Mit Paris, Rom, Budapest und Los Angeles ist die Konkurrenz groß – und prominent. Welche Chancen geben Sie der Hamburger Bewerbung?
Ich bin nicht vorbehaltlos für die Bewerbung um olympische Spiele in Hamburg. Die Stadt macht dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ein Angebot für eine wirklich nachhaltige Bewerbung, die sich vom Gigantismus der Vergangenheit abwendet und sowohl sportlich wie auch stadtentwicklungspolitisch durchdacht ist. Eine Bewerbung, die durch das Referendum demokratisch legitimiert sein wird. Keines der Konzepte der anderen Bewerberstädte ist so nachhaltig geplant wie das von Hamburg. Wenn das IOC seine Reformagenda 2020 ernst nimmt, dann hat die Hamburger Bewerbung sehr gute Chancen. Und das IOC sollte die Agenda 2020 sehr
ernst nehmen, weil Olympische und Paralympische Spiele sonst irgendwann nicht mehr durchführbar sein werden.

Das IOC hat Winterspiele nach Sotschi und Peking vergeben, eine langjährige Korruptionsgeschichte vorzuweisen und wird allenfalls minimal demokratisch kontrolliert. Da fragt man sich: Wäre Olympia ohne das IOC nicht viel schöner?
Das ist eine hypothetische Frage. Sportveranstaltungen haben inzwischen einen enorm hohen Vermarktungswert, daraus resultieren viele Probleme. Wo viel Geld im Spiel ist, gibt es auch kriminelle Energie. Aber die Verbände, das
sind auch wir selbst. In der FIFA ist auch der DFB organisiert, und im IOC ist auch der DOSB ein mächtiges Mitglied. Wir müssen die internationalen Verbände wieder stärker einer demokratischen Kontrolle unterwerfen, und wir dürfen uns die Spiele nicht wegnehmen lassen von Oligarchen oder Weltkonzernen. Ich denke, dass Thomas Bach auf dem richtigen Weg ist. Die Olympischen und Paralympischen Spiele gehören allen. Zuallererst den Athleten.

Der ETV ist bei allen hervorragenden Leistungen vieler Mitglieder zuvorderst ein Breitensportverein. Inwieweit kann der Breitensport von einem Leuchtturmprojekt wie Olympia profitieren?
Wir sollten uns klarmachen, was eine Entscheidung für Olympische und Paralympische Spiele bedeutet: Dass Sport zum zentralen Leitprojekt für die Stadtentwicklung der nächsten zehn Jahre wird. Bei jedem Vorhaben, das ansteht, wird mitgedacht werden müssen, ob die für Olympia und Paralympics notwendigen Maßnahmen berücksichtigt sind. Davon wird der Breiten- und Wettkampfsport erheblich profitieren. Etwas Besseres kann dem Sport in Hamburg doch nicht passieren, oder?

EIMSBÜTTELER ALLYMPICS „Wo ist mein Sprungbein?“ (ETV Magazin 3/2015)

Der Vorsitzende des ETV forderte drei prominente Hamburger zu einem vorolympischen Wettkampf heraus. Patrick Kiefer hat die Eimsbütteler Allympics
für das ETV-Magazin in Wort und Bild dokumentiert.

er ETV ist Feuer und Flamme für die Olympischen Spiele, und Hamburgs Bewerbung für 2024 läuft auf Hochtouren. Vor diesem Hintergrund
lud unser 1. Vorsitzender Frank Fechner drei prominente Gäste zu einem sportlichen Wettkampf ein: Hockey-Olympiasieger Christian „Büdi“ Blunck, Staatsrat Christoph Holstein und Beachvolleyball-Ass Sarah Schneider
stellten sich der Herausforderung.

Am Rand der Weitsprunggrube war das Maßband ausgerollt – vorsichtshalber bis auf die Weltrekordmarke von Mike Powell (51). Würde einer der vier Athleten heute an den berühmten 8,95 Metern des Amerikaners kratzen? Über dem Stadtteil Hoheluft brannte die Sonne, es war windstill. Schon beim
Einspringen wurde deutlich: Die Rivalen von Frank Fechner (52) sind extrem motiviert. Während sich Staatsrat Holstein (51), ins Selbstgespräch vertieft, noch fragte: „Wo ist eigentlich mein Sprungbein?“, suchte Büdi Blunck (47) bereits den perfekten Anlauf.
 
Dann legte der Gastgeber des vorolympischen Wettkampfs vor: Frank Fechner steigerte sich kontinuierlich bis auf stolze 3,90 Meter. Weder Christoph Holstein, der wichtigste Mitstreiter von Sport- und Innensenator Michael Neumann, noch Sarah Schneider Schneider, die U19-Vizeweltmeisterin im Beachvolleyball von 2014 konnten mithalten. Allein Büdi Blunck setzte, trotz mehrerer Kreuzband-Operationen im Laufe seiner erfolgreichen Hockey-Karriere, seine Marke bei
stattlichen 4,10 Metern in den Sand. Weiter ging’s zum Kugelstoß-Kreis. Beflügelt durch seinen Weitsprung-Triumph versuchte Blunck die Konkurrenz verbal einzuschüchtern. „Mit den Kügelchen gehe ich normalerweise joggen“, flachste er. Und wieder musste der ETV-Vorsitzende als Erster ran. Fechner verzichtete auf die koordinativ anspruchsvolle Drehstoßtechnik und kam
nach geschicktem Angleiten auf 9,99 Meter. PR-Experte Holstein, der privat begeisterter Windsurfer und Kiter ist, katapultierte das Eisen auf 10,19 Meter. Sarah, die mit den gleichen Kugeln hantierte, konnte nicht mithalten, doch Blunck ließ seinen großen Tönen Taten folgen: Auf 11,95 Meter rauschte seine Vier-Kilo-Kugel – ein Messfehler von ETV-Kampfrichterin Friederike van der Laan
konnte weder ausgeschlossen noch nachgewiesen werden.

Aus dem Leichtathletik-Stadion ging es weiter in die altehrwürdige Große Halle im ETV-Sportzentrum an der Bundesstraße. Wo in den 1970er-Jahren Europapokal-Schlachten im Handball geschlagen wurden, kam es jetzt zu einem Siebenmeter-Duell gegen Sonja Wolf, die Torhüterin der 1. Damen des ETV. Nur
eine behielt die Nerven: Sarah Schneider netzte alle fünf Würfe eiskalt ein. Sichtlich beeindruckt kassierte Sonja auch noch die Handy-Nummer der Powerfrau. Wer weiß – vielleicht läuft sie im Winter ja mal bei den Handballerinnen in der Hamburg-Liga auf. Stark präsentierte sich am
Rande übrigens auch Samuel, der Sohn von Frank Fechner. Der 8-Jährige spielt Fußball und knallte Christoph Holstein einige Schüsse aufs Tor. Stark! Dieser
Beamte macht wirklich jeden Spaß mit …

Von der Halle verlagerte sich das Geschehen anschließend zurück in den Sand: Auf zum Beachvolleyball! Die ETV-Kombination Fechner/Schneider wollte der
Paarung Blunck/Holstein die Grenzen aufzeigen. 2012 in London hatte Deutschland Gold in dieser Disziplin gewonnen, und Julius Brink und Jonas Reckermann hätten an der hochklassigen Partie sicher ihre Freude gehabt. Sensationell: Blunck/Holstein baggerten die Angaben der Vizeweltmeisterin locker zurück und gewannen 10:7. Jubeln, abklatschen und fertig machen für ein entspanntes Bier im Bistro Milou. Einhelliges Fazit aller Beteiligten: „Das hat großen Spaß gemacht. Wir sind bereit für Olympia in Hamburg.“

Neu organisiert: Der Freizeitsport im ETV (ETV Magazin 2/2015)

Sportvereine befinden sich im Wandel, auch der ETV muss sich an veränderte Gegebenheiten gewöhnen und anpassen, um wettbewerbsfähig gegenüber
anderen Vereinen und kommerziellen Anbietern zu bleiben. Als moderner, stadtteilbezogener und gemeinnütziger Verein hat er sich in den letzten Jahren
erfolgreich zwischen kommerziellen Fitnessclubs einerseits und individuellem Freizeitsport andererseits etabliert und bietet „die ganze Welt des Sports“.

Die Verbesserung der Infrastruktur im ETV-Sportzentrum und die Erweiterung der Sportflächen sind weitgehend abgeschlossen und es gilt, das Sportangebot weiterhin zeitgemäß und attraktiv zu gestalten und den neuen Möglichkeiten entsprechend auszuweiten.  

Als größte Abteilung mit ca. 6000 Mitgliedern und 125 ÜbungsleiterInnen bietet die Turn- und Gymnastik-Abteilung (TuG) ein umfang- und facettenreiches Erwachsenen- und Kindersportangebot. Sie ist damit einer der wichtigsten sportlichen und wirtschaftlichen Eckpfeiler des ETV.

Bisher wird die TuG von einem ehrenamtlichen Vorstand geleitet. Seit ca. 2000 ist eine kontinuierliche Vorstandsarbeit nicht mehr gegeben, da der ehrenamtliche Vorstand häufig gewechselt hat und oft nicht alle Vorstandspositionen besetzt werden konnten. Zurzeit besteht er nur noch aus drei Mitgliedern und ist damit satzungsgemäß nicht mehr beschlussfähig. Trotz intensiver Bemühungen ist es nicht gelungen, Mitglieder zu finden, die bereit sind, eine ehrenamtliche Vorstandstätigkeit zu übernehmen. Im Grundsatz - so die Interpretation der wenigen verbliebenen Aktiven - ist eine verantwortliche Führung und Gestaltung des umfangreichen Sportangebotes mit den daraus resultierenden Aufgaben auf ehrenamtlicher Grundlage mittlerweile nicht mehr zu leisten. Das gleiche gilt ebenso auch für das Studio.

Ohne den Einsatz der hauptamtlichen MitarbeiterInnen wären reibungslose Abläufe in den Abteilungen und ein qualifiziertes Sportangebot nicht möglich. Sowohl die TuG als auch das Studio stehen mit ihren Angeboten in Konkurrenz zu kommerziellen Anbietern, dies macht die weitere Professionalisierung unverzichtbar. Die oben aufgeführten Defizite der Vorstandsarbeit haben dazu geführt, dass die Aufgaben des Vorstandes weitgehend von den hauptamtlichen MitarbeiterInnen übernommen wurden. Die Vorstandsarbeit konzentrierte sich daher nur noch darauf, die Ausgestaltung und Durchführung der vielfältigen Angebote zu begleiten, inhaltliche Anregungen zu geben und die Entwicklung der Abteilungsfinanzen zu kontrollieren. Diese Entwicklung wird nicht wieder rückgängig zu machen sein.

Die Mitglieder der TuG und des Studios  haben einen hohen und beständig gestiegenen Dienstleistungsanspruch. Sie erwarten ein hochwertiges und zuverlässiges Sportangebot mit entsprechend qualifizierten ÜbungsleiterInnen. Für die Mitglieder sind die sozialen Kontaktmöglichkeiten und der starke Stadtteilbezug wichtige Identifikationsfaktoren.

Vor allem das Angebot im Freizeit- und Gesundheitssport muss dem qualitativen Standard anderer Sportanbieter standhalten, um konkurrenzfähig zu bleiben. Gleichzeitig müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass die Bereitschaft zu einem kontinuierlichen und längerfristigen ehrenamtlichen Engagement in einem so großen Verein stark reduziert ist. Dies erstreckt sich nicht nur auf die Mitglieder der TuG und des Studios, sondern gilt auch für andere Bereiche des Freizeit- und Gesundheitssports. Aufgrund dieses Wertewandels hat sich die Mitgliederversammlung der TuG dafür ausgesprochen, eine neue Struktur in der Verbindung von ehrenamtlicher Selbstverwaltung und professionellem Sportangebot zu entwickeln.

Im Sportangebot der TuG gibt es Berührungspunkte und Überschneidungen mit den Kursen und Workshops des Studios und den bisher nicht abteilungsgebundenen Sparten wie Trendsport, Rehasport und KiSS. Viele TrainerInnen arbeiten sowohl im Studio als auch in der TuG und im Rehasport. Eine gemeinsame Organisation und Führung dieser Bereiche bietet Vorteile bei der Einsatzplanung von ÜbungsleiterInnen wie bei der Hallennutzung, vor allem aber bei der strategischen Angebots- und Qualitätsentwicklung für den Gesamtverein.

Das ETV-Studio mit ca. 1300 Mitgliedern und ca. 40 TrainerInnen ist - wie die TuG - eine der erfolgreichsten Abteilungen des ETV und wird ebenfalls ehrenamtlich durch einen Vorstand vertreten. Seit fast 20 Jahren besteht das ETV Studio mit einem gesundheits-orientierten und ärztlich betreuten Geräte-  und Kursprogramm sowie Workshops. Durch dieses Profil unterscheidet es sich deutlich von den kommerziellen Fitnessclubs. Bereits seit einiger Zeit ist auch der Rehasport im Studio integriert. Mit weiterhin ansteigender Mitgliederzahl wird es auch für das Studio zunehmend schwieriger mit ehrenamtlicher Arbeit die notwendige Professionalität und Qualität zu gewährleisten.

Bei einer Neuorganisation des Freizeit- und Gesundheitssports kommt es darauf an, vor allem die Schwerpunkte des Angebots der TuG und des Studio aufeinander abzustimmen, neu zu definieren und damit den in der ETV-Satzung seit 2012 vorgesehenen Bereich des Freizeitsportes mit Leben zu erfüllen.

Der Freizeitsport im ETV soll in Zukunft die oben dargestellten Bereiche umfassen und wird direkt beim ETV-Vorstand angesiedelt. Ein Mitgliederbeirat soll die Interessenvertretung der Freizeitsport-Mitglieder übernehmen und die Sportangebote mitgestalten. Der Beirat wird über alle wichtigen Angelegenheiten des Freizeitsports informiert, z.B. über die Mitgliederentwicklung, die Ausgestaltung und Steuerung des Sportangebotes, die wirtschaftliche Situation, die personellen Entscheidungen sowie über geplante strukturelle Änderungen. Er kann dem ETV-Vorstand hierzu fachliche Vorschläge machen und Empfehlungen geben.

Wie in den anderen Abteilungen des ETV wird es eine jährliche Mitgliederversammlung geben, die die Vertreter für den Beirat, für den Hauptausschuss und die Delegierten für die Delegiertenversammlung wählt.

Auf diese Weise ist der Einfluss der Mitglieder gesichert; gleichzeitig bewegt sich jedoch der sachliche und der zeitliche Umfang des ehrenamtlichen Engagements in einem solchen Rahmen, dass es in Zukunft hoffentlich einfacher sein wird, Mitglieder für die Übernahme dieser Kontroll- und Gestaltungsaufgaben zu motivieren.

Dieses Konzept für den Bereich Freizeitsport, das eine abteilungs- und gremienübergreifende Arbeitsgruppe aus VertreterInnen der TuG, des Studios, des ETV-Vorstandes und des Aufsichtsrates erarbeitet hat, soll in den Mitgliederversammlungen der betroffenen Abteilungen diskutiert und be­schlossen werden. Der Hauptausschuss ist über die Konzeption informiert worden und wird – wenn das Votum der Mitgliederversammlungen vorliegt  – endgültig darüber entscheiden.

Gudrun Bischoff-Kümmel, 1. Vorsitzende der Turn- und Gymnastikabteilung
Jürgen Glismann, 1. Vorsitzender des ETV Studios

 

Parteien zu Olympia und Sport (ETV Magazin 1/2015)

Am 15. Februar wird die neue Hamburgische Bürgerschaft gewählt. Das ETV-Magazin richtete drei sportpolitische Fragen an die Spitzenkandidaten der in der aktuellen Bürgerschaft vertretenen Parteien:

1. Nach der Wahl ist vor der Abstimmung – über eine Olympia-Bewerbung Hamburgs. Welchen Stellenwert hat diese Bewerbung für Sie und Ihre Partei?

2. Welche Rolle könnte ein Verein wie der ETV mit seinen 12.400 Mitgliedern im Rahmen einer Olympia-Bewerbung einnehmen?

3. Abseits von Olympia: Wo liegen in den nächsten fünf Jahren die größten Baustellen der „Sportstadt Hamburg“?

 

Olaf Scholz (SPD)

1. Mit der Dekadenstrategie 2020 wurden die Rahmenbedingungen für das Handeln jetzt und in der Zukunft gesetzt. Wir können stolz sein, dass sich der DOSB vor diesem Hintergrund schon heute Hamburg als einen Austragungsort für Olympische und Paralympische Sommerspiele vorstellen kann. Wir stehen zum Olympia-Konsens, bei dem klar ist, dass am Schluss die Bürgerinnen und Bürger entscheiden, ob Hamburg sich bewirbt oder nicht. Parteipolitik und Wahlkampfgetöse wären bei diesem Thema kontraproduktiv.

2. Sportvereine wie der ETV leisten neben ihrem großen ehrenamtlichen Engagement auch einen erheblichen Beitrag zum Bau und Erhalt von Sportstätten. Dabei entstehen immer wieder Schwierigkeiten, Darlehen zu erhalten. Wir bringen deshalb jetzt einen Förderkredit der Hamburgischen Investitions- und Förderbank für Sport-und Kulturstätten auf den Weg, um die Vereine und Verbände mit Sicherheitsleistungen und Zuschüssen bei der Finanzierung zu unterstützen.

3. Wir haben in den letzten Jahren bereits eine Menge Geld für die Sanierung und Modernisierung von Sportstätten bereitgestellt. Dafür stehen allein bis 2018 über 250 Millionen Euro zur Verfügung. Auch über den Sanierungsfonds konnten wir in dieser Legislaturperiode wichtige Akzente setzen. Wir lassen an dieser Stelle nicht nach und beantragen für den nächsten Doppelhaushalt weitere 4,5 Millionen Euro aus dem Sanierungsfonds für vereinseigene Anlagen des Hamburger Sportbundes und des Hamburger Fußballverbandes sowie für bezirkliche Sportstätten. Eine wichtige Rolle spielt auch das Thema Inklusion. In Alsterdorf haben wir die erste vollständig barrierefreie Sporthalle gebaut. Mit dem Trainingsstützpunkt Rollstuhlbasketball Nord, dem Aktionsplan „Inklusion und Sport“ und der Auszeichnung „Wegbereiter der Inklusion“ sind wichtige Projekte für die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderung im Sport erreicht. Diesen Prozess wollen wir mit zusätzlichen Fördermitteln jetzt weiter voranbringen.

 

Dietrich Wersich (CDU)

1. Die Bewerbung um die Austragung der Olympischen und Paralympischen Sommerspiele ist eine Jahrhundertchance für Hamburg. Vom Breiten- und Leistungssport, über die Kultur und den Tourismus bis hin zum Wohnungsmarkt und der Verkehrsinfrastruktur würden verschiedenste Bereiche bereits in den kommenden Jahren einen gewaltigen Schub erhalten, den es so sonst niemals geben würde. Von den positiven Wirkungen, beispielsweise durch neue vielfältig nutzbare Sportanlagen würden noch unsere Kinder und Kindeskinder profitieren. Aus diesen und weiteren Gründen hat die Hamburger Olympia-Bewerbung für uns höchste Priorität.

2. Die über 800 Sportvereine in Hamburg sind DER Multiplikator, wenn es darum geht, die Menschen in unserer Stadt überhaupt erst einmal mit der Idee einer Hamburger Olympia-Bewerbung in Berührung zu bringen und letzten Endes auch davon zu überzeugen. Dem ETV, der mit seinen 23 Abteilungen und 12.400 Mitgliedern zu den größten Sportvereinen in Deutschland gehört, fällt hierbei eine zentrale Bedeutung zu. Dies gilt umso mehr, als dass gerade der ETV sich durch sein breites Sportangebot seit vielen Jahren um verschiedene olympische Sportdisziplinen verdient macht.

3. Ein Dauerbrenner war, ist und bleibt die Sanierung der Sportstätten, die sich entweder in Vereinshand oder im Besitz der Stadt befinden. Zwar hat die von uns im Jahr 2009 ins Leben gerufene Sanierungsoffensive schon viel Gutes bewirkt. Dennoch bleibt viel zu tun,

um die in dem Bauzustandsbericht aus dem Jahr 2012 offen gelegten Defizit im wahrsten Sinne des Wortes „abzubauen“.

Um die Sport- und Wirtschaftsförderung gemeinsam weiterzuentwickeln, sportbezogene Produkte und Dienstleistungen erfolgreicher anbieten und um potentielle Investoren noch stärker für eine Ansiedlung in unserer Stadt begeistern zu können, werden wir uns für die Auflage eines „Sportwirtschaftsberichts“ einsetzen.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Sportvereinen bei der Umsetzung und den Auswirkungen der ganztägigen Betreuung in den Schulen. Hier knirscht es zurzeit gewaltig. Außerdem werden wir uns dafür einsetzen, dass der Behindertensport nicht nur während der paralympischen Spiele, sondern alltäglich mehr Beachtung und Bedeutung erhält. Dies muss sich auch finanziell wiederspiegeln.

 

Katharina Fegebank (Grüne)

1. Olympische und Paralympische Spiele, wie wir Grüne sie uns vorstellen, können die integrative Kraft des Sports für unsere Gesellschaft stärken. Schon in der Bewerbungsphase können der Breiten- und Leistungssport weiter entwickelt werden. Für olympische Spiele werden nicht nur Wettkampf-, sondern auch viele Trainingsstätten benötigt. Durch die Sanierung bestehender Sportanlagen ließe sich der erhebliche Sanierungsstau bei Hallen- und Sportflächen beseitigen und auch kleinere Sportvereine könnten auf modernen Anlagen trainieren. Sportstätten, Bahnstationen und das olympische Dorf müssten barrierefrei sein – die Verwirklichung von Inklusion in unserer Stadt würde auf diese Weise einen großen Schritt vorankommen.

Diesen Chancen stehen Risiken gegenüber, die wir nicht vernachlässigen dürfen. Wir sind in Sorge, ob selbst abgespeckte Spiele am Ende nicht doch eine zu große finanzielle Belastung für Hamburg darstellen und in Konkurrenz zu anderen wichtigen Zukunftsaufgaben wie Bildung, Wissenschaft oder Klimaschutz treten. Für Hamburg als Stadtstaat muss es eine faire und akzeptable Kostenteilung geben – mit dem Bund, dem IOC und der Wirtschaft. Es muss klar sein, dass die Stadt nach einem Sportfest für die Welt nicht auf einem Schuldenberg und auf nicht finanzierbaren Betriebskosten sitzen bleibt.

2. Wenn es zu einer Olympia-Bewerbung kommen sollte, wäre der ETV als größter Breiten- und Wettkampfsportverein ein wichtiger Botschafter in Hamburg und der Metropolregion, auch ganz besonders für den paralympischen Gedanken. Der ETV wäre zudem ein erfahrener Ansprechpartner und Partner in der Bewerbungsphase, auch die vereinseigenen Sportstätten könnten für die Olympischen Spiele und deren Vorbereitung genutzt werden.

3. Große Herausforderungen sehen wir Grüne bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Sport. Wir müssen feststellen, dass vielerorts noch die Voraussetzungen wie barrierefreie Sportstätten sowie Geräte und Materialien fehlen, um zum Beispiel an Schulen ein Sportangebot für Schülerinnen und Schüler mit und ohne Behinderung zu realisieren. Auch in der Sportlehrerausbildung brauchen wir mehr inklusive Elemente. Viele Sportanlagen in Hamburg befinden sich in einem schlechten Zustand. Dieser Sanierungsstau muss schneller als geplant abgearbeitet werden.

 

Katja Suding (FDP)

1. Die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2024 oder 2028 wäre eine riesige Chance für Hamburg. Die „Marke“ Hamburg würde enorm profitieren, notwendige Infrastrukturmaßnahmen können mit der Unterstützung externer Mittel umgesetzt werden, zusätzliche Wohnungen und Sportanlagen würden geschaffen werden. Die vorliegende Bewerbung Hamburgs zeichnet sich aus durch eine sport- , zuschauer- und umweltfreundliche Durchführung der Spiele der kurzen Wege mitten in der Stadt sowie die Nachhaltigkeit der Investitionen, insbesondere durch die Nachnutzung der Sportanlagen sowie die Schaffung zusätzlichen Wohnraums durch die Folgenutzung des Olympischen Dorfes.

2. Die großen Sportvereine in Hamburg, wie zum Beispiel der ETV, sind für die Begeisterung und Mobilisierung der Hamburger für eine Olympia-Bewerbung entscheidend. Durch ihre Arbeit eignen diese sich hervorragend als Olympia-Botschafter in die Bevölkerung hinein. Durch eine Olympia-Bewerbung erhofft die FDP sich positive Effekte für die Sportbegeisterung der Hamburger. Die Rolle der Sportvereine wäre, dieser erhöhten Motivation zur sportlichen Betätigung durch ihr Angebot Rechnung zu tragen.

3. Die Dekadenstrategie Sport als gemeinsamer Entwicklungsplan des organisierten Sports, des DOSB, der Handelskammer und der zuständigen Behörde hat in den vergangenen drei Jahren viele positive Entwicklungen angestoßen, die es nun weiter zu verfolgen gilt. Die FDP möchte die Entwicklungen und Erfolge der Dekadenstrategie noch transparenter und nachvollziehbarer machen, indem diese in die Kennzahlen des Haushaltes einfließen. Die FDP fordert die Beteiligung des gemeinnützigen Sports an den Einnahmen aus der Sportwettenabgabe, sobald diese für Hamburg anfallen. Diese Einnahmen entstehen ausschließlich durch den Sport und sollen diesem zu mindestens einem Viertel zugute kommen. Eine wichtige Aufgabe ist auch die Verstetigung der Kooperationen zwischen Ganztagsschulen und Sportvereinen. Die FDP ist davon überzeugt, dass beide Partner durch diese Zusammenarbeit stark profitieren. Die FDP setzt sich auch dafür ein, dass in jedem Hamburger Bezirk mindestens eine vollständig barrierefreie Sporthalle eingerichtet wird.

 

Dora Heyenn (LINKE)

1. DIE LINKE lehnt als einzige in der Bürgerschaft vertretene Partei eine Olympia-Bewerbung für 2024 und 2028 konsequent ab. Unsere umfangreichen Analysen haben ergeben, dass die Bewerbung und Austragung Olympischer Spiele für Hamburg deutlich nachteilig ausfallen würde. Genannt seinen zum Beispiel die millionen- und milliardenschweren Schulden für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler der Stadt; verkehrs- und umweltpolitischen Folgen oder eingeschränkte Bürgerrechte im Zuge einer Austragung. Allein eine Bewerbung würde circa 60 Millionen Euro kosten, die Austragung mindestens einen zweistelligen Milliardenbetrag. Dass IOC, Tourismusverbände und Hotellobbys Profite scheffeln und die Rechnung allen Hamburgerinnen und Hamburgern präsentiert wird, ist den sportbegeisterten Menschen der Hansestadt nicht zuzumuten.
2. Unser NEIN zu Olympischen Spielen bedeutet kein NEIN zum Sport. Im Gegenteil. Uns sind Vereine wichtig, die in ihrer täglichen Arbeit dazu beitragen, dass Menschen sich breitensportlich betätigen können. Hierzu zählt auch der ETV mit seinen Mitgliedern, die – teilweise ehrenamtlich – hervorragende Arbeit zum Beispiel in der Kinder- und Jugendarbeit leisten. Unabhängig davon, wie man zu Olympischen Spielen steht: Gerade wegen der vermeintlichen Vorteile, die in Jubelmeldungen zu Olympia versprochen werden, ist es wichtig, dass alle Sportbegeisterten der Stadt genau hinschauen und die Prozesse begleiten.

3. Die Schere zwischen Arm und Reich macht sich auch sportlich bemerkbar. Beispiel Schwimmfähigkeit: Kinder, die in einem benachteiligten Stadtteil wie Billstedt oder Wilhelmsburg leben, lernen das Schwimmen innerhalb der ersten vier Klassen an einzelnen Schulen bis zu 95 Prozent nicht, während im begüterten Volksdorf 75 bis 100 Prozent am Ende der Grundschulzeit einen Schwimmnachweis haben. Nach wie vor gibt es einen erheblichen Sanierungsstau bei Sportplätzen und Turnhallen; auch fehlen immer mehr Kapazitäten zur Ausübung des Sports zu bestimmten Tageszeiten. Wenn Vereine berichten, dass Judoka-Kinder nicht auf Toilette gehen können, weil die Keramik seit Jahren defekt ist, oder Vereine wegen mangelnder Kapazitäten kein Mädchen-Fußball mehr anbieten können, ist dies im Grunde ein Armutszeugnis für die Stadt. DIE LINKE plädiert für eine Sportförderung, die allen Hamburgerinnen und Hamburgern zugute kommt.

 

"Hamburgs Sport würde profitieren“ (ETV Magazin 4/2014)

Michael Zapf

Warum ist Olympia gut für Hamburg? Folke Havekost sprach mit Innensenator Michael Neumann, in dessen Zuständigkeit auch der Sport fällt.

Hamburg hat im April 2003 im deutschen Vorentscheid gegen Leipzig verloren. Warum lohnt es sich für die Stadt, nun erneut um eine Olympia-Bewerbung gegen Berlin ins Rennen zu gehen?
Es gibt ja kein Rennen, sondern die Auffassung des DOSB, dass Deutschland mal wieder Austragungsort für Olympische und Paralympische Sommerspiele sein sollte. Dafür kommen für den DOSB nur Berlin und Hamburg in Frage. Wenn man so eine Einladung bekommt, sagt man nicht nein, sondern beschäftigt sich mit dem Thema. 

Sie haben „andere Spiele“ angekündigt, die „großartig, aber nicht gigantisch“ werden sollen. Wie lässt sich das IOC vom bisherigen Gigantismus-Kurs abbringen.
Die Spiele von Barcelona 1992 oder London 2012 sind gute Beispiele für eine Hamburger Bewerbung. Wenn man Olympia neu erfinden will, dann wäre unser skizziertes Konzept ein Angebot, das genau die Kriterien der Agenda von IOC-Präsident Thomas Bachs erfüllt.

Was macht Hamburg zu einem guten Olympia-Gastgeber?
Das größte Pfund für Hamburg ist die Begeisterung der Menschen in der Stadt und in der Metropolregion. Wir setzen auf die „Allympics“, das Erleben der Spitzensportler auf denkbar engster Tuchfühlung. Zugespitzt formuliert: Auf derselben 100-Meter-Laufbahn, auf der Usain Bolts Sohn 2024 um 17 Uhr einen neuen Weltrekord laufen wird, werden am selben Tag bis 13 Uhr noch Bundesjugendspiele durchgeführt. Diese Nähe wird einen Motivationssog auslösen, der gar nicht überschätzt werden kann. Außerdem fügt sich das Thema Olympia organisch in die Stadtentwicklung ein. Den Sprung über die Elbe, aber auch die Entwicklung entlang des Stromes von Bille und Elbe können wir mit einer „Olympic City“ im Herzen der Stadt verbinden. Das ermöglicht auch eine sehr intensive Nachnutzung: Wir bauen keine „weißen Elefanten“, die nur für einige Wochen genutzt werden, sondern wollen mit Olympia eine Stadtentwicklung beschleunigen, die ohnehin stattfindet.

Was können Vereine tun, um Hamburgs Bewerbung zu unterstützen?
Vereine sind Kommunikationsräume, sie erreichen ihre Mitglieder viel direkter und besser als eine Kampagne, im positiven wie im negativen Sinne. Sie können Ideen vermitteln, über Sportstätten und die städtebauliche Vision informieren, aber auch die Kritikpunkte, Fragen und Hinweise sammeln, die es gibt. Kritische Fragen sind ausdrücklich gewünscht, um darauf gute Antworten zu entwickeln.

Müsste der Breitensport unter der Fokussierung auf Olympische Spiele leiden?
Nein, die Sport-Infrastruktur würde durch Olympia einen Schub bekommen. Wir brauchen ja nicht nur Wettkampfstätten, sondern auch Trainingsplätze. Da wird es ein Investitionsboom geben, der für den Sport in anderer Form überhaupt nicht erreichbar ist. Häufig wird gegeneinander gestellt, ob Hamburg Geld für Kitas ausgeben sollte oder für Sportstätten. Aber Investitionsmittel für Olympische Spiele, die aus Europa oder von der Bundesebene kommen, stehen uns nicht zur Verfügung, um damit Kitas zu finanzieren. Da ist die Frage schlicht: Kriegt es Berlin oder Hamburg?

Gibt es belastbare Zahlen, wie viel die Stadt selbst für Olympische Spiele aufwenden müsste?
Olympische Spiele werden Geld kosten. Wer behauptet, sie seien zum Nulltarif zu haben, erzählt dummes Zeug. Nach Verfassungslage darf die Stadt für die Spiele aber gar keine neuen Schulden aufnehmen. Deshalb müssen wir mit dem Bund darüber sprechen, wer welche Investition übernimmt. Ein Beispiel: Für die Paralympischen Spiele wollen wir alle U- und S-Bahn-Stationen barrierefrei haben. Das erreichen wir aber sowieso bis 2018, das Geld haben wir schon ausgegeben. Werden die Mittel für ein Menschenrecht wie Barrierefreiheit nun anlässlich oder ursächlich Olympias ausgegeben? Bei den Kosten muss man ganz genau gucken, ob sie nicht sowieso anfallen oder nur durch Olympia entstehen. Bisher haben wir die Zahlen hochgerechnet, die der von-Beust-Senat 2003 bei seiner Bewerbung ermittelt hat. Wir haben eine Preissteigerungsrate von 2,1 Prozent angenommen und kommen auf 1,8 Milliarden Euro für 2024 und knapp zwei Milliarden Euro für 2028. Wenn der DOSB sich für Hamburg entscheidet, werden wir im selben Augenblick die Kostenermittlung einleiten, damit wir rechtzeitig realistische Schätzungen vorlegen können.

Wann rechnen Sie mit einer Entscheidung des DOSB?
Ich hoffe jedenfalls, dass der DOSB jetzt nicht einen endlos langen Schönheitswettbewerb zwischen Hamburg und Berlin stattfinden lässt. Es gab die klare Absprache: kurz, aber intensiv. Das halte ich für richtig, weil wir ja auch noch eine Volksabstimmung durchführen müssen. Ich glaube, unser Konzept ist so gut, dass wir in Hamburg eine große Mehrheit dafür gewinnen können – wenn der DOSB sich traut.

Das IOC entscheidet erst 2017, das weltweite Bewerberfeld dürfte groß sein.Lohnt sich für Hamburg eine Kandidatur, auch wenn dann in drei Jahren eine andere Stadt den Zuschlag erhält?
Unser Anspruch muss sein, das beste europäische Konzept vorzustellen. Die Rolle Hamburgs als sportbegeisterte und lebenswerte Stadt, als wissenschaftliche und kulturelle Metropole in Norddeutschland wird davon durchweg profitieren. Wir gehen mit einem langen Atem heran. Sollten wir 2024 nicht erfolgreich sein, streben wir eine Bewerbung für 2028 an. Olympia ist ein Marathon, kein Sprint.

Eimsbüttel im Umbau: so läuft's (ETV Magazin 2/2014)

© Heffter

Es wird gebaut in Eimsbüttel. Es fing an am Uni-Gebäude Geomatikum und so richtig los geht es im Frühling, auch in der Osterstraße.

Ist aber auch alles besser, wenn alles neu ist? Redakteurin Kathrin Friedrich sprach darüber mit Gabor Gottlieb, dem Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Fraktion in Eimsbüttel

Uni
Wann geht es los?
Angefangen hat es am Geomatikum mit der Einrichtung der Baustelle und den Vorfeldarbeiten schon Anfang des Jahres. Der eigentliche Baubeginn folgt dann später im Verlauf des Jahres.

Am Geomatikum scheiden sich die Geister, gehört es als Erkennungszeichen zu Eimsbüttel?
(lacht) Schön ist es sicherlich nicht. Ich würde auch nicht so weit gehen, es zu den Eimsbütteler Wahrzeichen zu zählen. Aber es ist einfach Teil von der Ecke Bundesstraße/ Beim Schlump. Und wenn es wegfiele, müsste es irgendwie ersetzt werden. Außerdem ist es Innen sehr funktional.

Wird es denn attraktiver?

Also die neuen Gebäude werden natürlich in jedem Fall besser. Durch ein attraktives Aussehen sollen sie besser in den Stadtteil passen. Aber das Geomatikum wird dem Grunde nach nicht anders aussehen als jetzt. Allerdings wird die Fassade renoviert und vielleicht kann sie mit Farbgestaltungen oder Graffitis von Künstlern aufgewertet werden. Ich bin da erstmal für alles offen.

Mit was für Einschränkungen ist während der Bauphase zu rechnen?

Keine Straße wird komplett gesperrt, das finde ich sehr positiv. Einschränkungen gibt es natürlich immer, Bauzulieferungen beeinträchtigen einfach den Verkehr. Sicher wird es auch Staub und Lärm geben, aber grundsätzlich wird sich das in Grenzen halten.
Es gibt auch nur wenige Anwohner, die direkt nebenan wohnen. Da sind immer Grünflächen, Straßen oder Geschäfte dazwischen. Für die Studenten und Mitarbeiter im Geomatikum wird es wohl am lautesten sein.

Welche Chancen ergeben sich aus dem Neubau?
Für die Uni werden dringend benötigte Räumlichkeiten geschaffen. Ohne die Neubauten wäre die Uni vielleicht auf den kleinen Grasbrook verlagert worden.
Jetzt bleibt sie im Herzen von Eimsbüttel, wo sie hin gehört. Der Campus Bundesstraße wird zum Stadtteil geöffnet und für Anwohner wie Studenten erfahrbar gemacht werden. Momentan orientiert sich das studentische Leben ja sehr zum Von-Melle-Park. Der Martin-Luther-King-Platz zum Beispiel lädt zur Zeit auch nicht zum Verweilen ein. Das soll sich ändern. Wenn dort Cafés entstehen und man sich auch draußen aufhalten kann, wird sich der Campus Bundesstraße ganz anders mit Leben füllen.

Wie sind die Bürgerreaktionen?
Alle finden es gut, dass die Uni im Stadtteil bleibt und wir hatten einen sehr erfolgreichen und breit angelegten Beteiligungsprozess. Natürlich gibt es unterschiedliche Wünsche. Die einen möchten, dass nicht so viel Grünfläche weg fällt, die anderen, das nicht zu hoch gebaut wird. Die Ergebnisse des Beteiligungsprozesses wurden auch in dem Städtebaulichen Wettbewerb eingebracht. Natürlich wird es immer Leute geben, die nicht Hunderprozentig zufrieden sind, aber viel konnten wir berücksichtigen.

Der Uni Präsident wünscht sich ein markantes Gebäude mit Widererkennungswert – wie sinnvoll ist das?

Die Uni hat doch bereits solche Gebäude. Der Kuppelbau des Hauptgebäudes an der Edmund-Siemers-Allee ist ein schönes Beispiel. Es bildet direkt am ICE-Bahnhof Dammtor das Entrée zur Universität. Übrigens ist der direkte Anschluss an das ICE-Netz ein absolutes Alleinstellungsmerkmal und Standortvorteil der Uni Hamburg.

Aber eine Universität muss sich nicht durch Gebäude oder den Standort sondern vor allem durch wissenschaftliche Leistungen auszeichnen. Das sollte auch das Ziel der Uni Hamburg sein. Um noch mal auf die Bauten zurückzukommen: Natürlich haben wir hier kein Schloss wie es andere Universitäten haben, aber es ist schon länger ein bezirklicher Wunsch die Alte Post in der Schlüterstraße für die Uni zu nutzen. Die hat auch ein zeitloses Design. Das ist rein äußerlich ein super Gebäude. Leider ist die innere Raumaufteilung nicht so optimal.
Die Gewerbeschule an der Bundesstraße wird auch frei, die wäre auch toll für die Uni.

Was passiert mit dem Zoologischen Museum?
Das bleibt in jedem Fall im Stadtteil erhalten. Was am Ende wo genau sein wird, ist noch nicht klar, aber es wird auch in der Nähe des Martin-Luther-King-Platzes bleiben.

Die Osterstraße: Es gab ja bereits mehrere Konzepte für die Umgestaltung – wieso sticht dieses heraus?
Stimmt, es gab viele, zum Teil auch sehr ambitionierte Anläufe. Einige fanden keine Akzeptanz, einige sind schlicht versandet Wichtig für dieses Konzept ist aber vor allem: Es ist finanziert.
Außerdem läuft das mit großer Bürgerbeteiligung.

Der Radweg kommt auf die Straße – warum?
Der Bürgersteig ist so einfach zu klein. Immer wieder kommt es zu gefährlichen Zwischenfällen und man kann weder sicher laufen noch gut Rad fahren. Der Fußweg muss breiter werden. Viele Radfahrer nutzen die Osterstraße, da ist es einfach sinnvoll Radfahrer und Fußgänger zu trennen.

Von wo bis wo kommt der Radweg eigentlich auf die Straße?
Auf der ganzen Länge der Hauptgeschäftsstraße. Also vom Schulweg bis zur Methfesselstraße. Das wird nicht alles auf einmal, sondern in Teilen umgesetzt.

Wo geht es los?
Die Arbeiten werden Mitte 2015 im südlichen Teil zwischen Schulweg und Heußweg beginnen. Dort ist auch am Fanny-Mendelsohn-Platz der größte Bedarf. Der zweite Teil bis zur Mehtfesselstraße soll dann ca. ein Jahr später folgen.

Wird das nicht schwierig mit der Verkehrslage?
Die Osterstraße hat ja nur eine Spur in jede Richtung. Weniger kann es also nicht werden. Das Querparken zur Straße wird nicht mehr möglich sein, nur noch längs. Um das zu kompensieren ist die Einrichtung von Quartiersgaragen sinnvoll.

Sollten die Radwege dann nicht in ganz Hamburg auf die Straße verlegt werden?
Das ist tatsächlich das Ziel. Jedenfalls dort, wo es möglich und sinnvoll ist. Sowas ist ja auch immer ein Geld- und eine Platzfrage und zum Teil gibt es auch gut ausgebaute Radwege, so dass Fahrradstreifen nicht nötig sind. Aber unser Ziel ist es den Radverkehr zu stärken und im Bezirk haben wir ein Velorouten-Konzept.

Wird sich nach dem Umbau ein Vorteil für die Einzelhändler ergeben?
Es wird sicherlich eine andere Atmosphäre entstehen, die zum Flanieren und zum Schaufensterbummel einlädt. Dadurch entsteht ein anderes Einkaufsgefühl und davon werden die Geschäfte profitieren. Wenn vor den Cafés Stühle stehen, man dort sitzen kann und beim Gehen keine Angst vor heranrasenden Radfahrern haben muss, wird das sehr angenehm werden. So gibt es auch die Chance, dass ein lebendiges Stadtteilzentrum entsteht.

Glauben Sie, dass Eimsbüttel (Osterstraße) und Uni durch den Umbau noch besser vernetzt werden?
Dafür ist das wohl doch zu weit auseinander. Aber beide Maßnahmen tragen auf jeden Fall zu einer noch größeren Attraktivität der Stadtteile bei.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für die Zukunft und die Bauvorhaben.

Slam und Zweikampf (ETV Magazin 01/2014)

Michel Abdollahi (32) ist ein echter Tausendsassa. Er ist Gründungsmitglied von Kampf derKünste, Kultmoderator und engagiert sich für Jugendliche. Redakteurin Kathrin Friedrich trafihm zum Interview. Es geht um Poetry Slams, Alter Egos und Saadi, einen persischen Dichteraus dem 13. Jahrhundert.

Du hast Rechtswissenschaften studiert, wie kommt man von da zum Poetry Slam?
Das ist eine ziemlich lange Geschichte und würde wohl eine ganze Abhandlung füllen. Es isteinfach irgendwie passiert.

Du bist Mitgründer vom Kampf der Künste, was macht ihr da?
Wir sind ein Kulturveranstalter in Hamburg und Norddeutschland. Wir sind zwar selbst alleHamburger, aber natürlich gehen wir auch gerne ins Umland, wenn es da die Nachfrage gibt.
Wir machen aber nicht nur Poetry Slams, sondern alles was mit dem gesprochenen Wort zutun hat. Kabarett zum Beispiel, den Singer Slam, den Shortfilm Slam oder Lesungen. Eigentlich alles, was mit Off-Kultur zu tun hat. Außerdem haben wir mit der Kaderschmiede jetzt auch eine Agentur, mit der wir Künstlerunterstützen.

Was ist das Besondere an Poetry Slams?
Der Spaß und dass es sehr abwechslungsreich ist, machen die Slams so besonders. Außerdem kann das Publikum direkt auf das geschehen Einfluss nehmen und eine Auswahl treffen.
Die Zeitbegrenzung der einzelnen Darbietungen ist auch eine Art Sicherheit für das Publikum.
Wenn dir jemand nicht gefällt, dann musst du ihn nicht den ganzen Abend sehen, sondern er ist nach fünf Minuten wieder weg und jemand anders kommt auf die Bühne.
Es ist auch ein bisschen wie Sport. Jeder will immer besser werden.

Was bietet denn das Slam Jahr 2014?
Anfang des Jahres haben wir gleich ein best-of-Festival im Ernst Deutsch Theater. Da wirdder Rhythmus dann etwas anders sein. Es sind vier Slammer, die jeweils zehn Minutenbekommen.
Wenn im Schauspielhaus alles fertig ist wird es da auch wieder den Dead-or-Alive-Slam geben, natürlich auch den Bunkerslam.

Gibt es einen Slam, der besonders gut für „Einsteiger“ unter den Zuschauern geeignet ist?
Das hängt natürlich davon ab, was man möchte. Wer Stehplätze mag, ist im Uebel und Gefährlich richtig. Wer eher den Nachwuchs sehen möchte, ist im grünen Jäger gut aufgehoben. Zum Einstieg ist das Ernst Deutsch Theater nicht schlecht. Da sind nur vierTeilnehmer auf der Bühne, es gibt Sitzplätze und der Rhythmus ist nicht so schnell.

Und für Slammer? Was müssen die machen um mal auf die Große Bühne zu kommen?
Die müssen viel Ausprobieren, wie im Sport. Viel Gucken, was die anderen machen und natürlich sich selbst überwinden und überhaupt auf die Bühne gehen. Es kommen auch immer wieder neue Leute dazu, der Nachwuchs ist da.
Vielleicht kann man das ein bisschen wie eine exotische Sportart betrachten. So ähnlich wie das was hier beim ETV mit dem Floorball passiert ist, das wird ja auch immer größer.

Die Slams sind ja schon ein Konkurrenzkampf – wie ist denn da die Stimmung hinter den Kulissen?
Gut. das ist schon eher wie in einer großen Familie. Die guten Leute sehen sich ja öfter.
Natürlich gibt es immer mal wieder auch Leute die sich gegenseitig nicht so mögen, aber das ist in einer Mannschaft beim Sport nicht anders.

Wer gewinnt entscheidet das Publikum – wundert es dich manchmal, wie es abstimmt?
Eigentlich ist es mir mittlerweile egal, was die Jury macht.
Das ist aber auch stimmungsabhängig. Es gibt ja unterschiedliche Gründe warum einen ein bestimmter Text mehr oder weniger berührt.
Manchmal bin ich schon überrascht, gerade bei Sachen die ich selber ganz toll finde. Aber eigentlich melden sich für die Jury immer Slam-erfahrene Leute. Die machen schon keinen Quatsch. Bei Musik wird der Unterschied in den Geschmäckern noch deutlicher.

Funktionieren Kunst und Kultur mit Eventcharakter in der Gesellschaft besser?
Nein, eigentlich nicht. Klar sind die Slams Events. Kampf der Künste muss sich dadurch immerhin selber tragen. Der Eventcharakter macht es auch etwas lebendiger, aber eigentlichsoll dadurch die Lust auf mehr Kultur geweckt werden. Deswegen mache ich ja auch immer Programmhinweise in meiner Moderation.

Wer ist Arte?
Arte ist eins meiner Alter Egos. Er ist der Maler. Arte hat auch andere Eigenschaften als ich.

Was für Bilder malt Arte denn?
Neulich habe ich jemanden getroffen, der dachte die Bilder kämen direkt aus New York. Das ist schon moderne Kunst, eine Mischung aus Expressionismus und Surrealismus vielleicht.

Hast du noch mehr Alter Egos?
Ja, hin und wieder tritt auch der Schriftsteller Feigenbaum in Erscheinung.

Du engagierst dich auch sehr viel für die Jugend. Was verbirgt sich hinter „Zweikampfverhalten“?
Das haben wir auch schon ziemlich früh gegründet. Dabei geht es um Gewalt-Prävention im Amateurfußball, so ungefähr von E bis A Jugend. Teams mit aggressiven Spielern können Kurse bei uns machen. Entweder als ganzes Team oder für einzelne. Das geht dann über drei Monate, einmal in der Woche. Die Kids lernen dabei ihre Aggressionen zu kanalisieren und fair im Sport zu sein. Es soll jetzt auch um Handball und Basketball erweitert werden.

Ihr werdet vom HSV unterstützt?
Ja, das ist total toll. Auch wenn die Kids keine HSV Fans sind ist es schon super, wenn da ein Profifußballer oder Nationalspieler zum Training kommt. Das macht echt Eindruck.
Es kommen auch viele Ehemalige, die das Projekt vor acht Jahren selber durchlaufen haben und heute gerade ihr Studium beginnen. Die sind ganz tolle Beispiele für die Kids.

Warum zitierst du gerne den persischen Dichter Saadi?
Das ist auch einfach so passiert. Eigentlich hatte ich gar kein Markenzeichen gesucht, weil ich die grundsätzlich gar nicht so toll finde. Angefangen habe ich das für die Leute, die erwarten dass beim Poetry Slam Gedichte vorgetragen werden.
Es ist aber kein Dichterwettstreit,sondern geht um das gesprochene Wort. Das muss sich nicht reimen. Es können zum Beispielauch Kurzgeschichten sein. Daher habe ich dann angefangen hin und wieder was von Saadi zu zitieren. Besonders das Gedicht das immer zum Abschluss kommt gefällt vielen Leuten. Ichhabe schon oft E-Mails bekommen, wo ich danach gefragt wurde.
Mittlerweile bringe ich das auch nicht mehr immer, aber manchmal passt es eben gut.
Außerdem ist das auch eine Öffnung in eine andere Kultur, das finde ich auch wichtig.

Dann nehmen wir es doch als Schlusswort
Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht / als Glieder eines Leibs von Gott, dem Herrn, erdacht. / Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder, / dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider. / Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt, / verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt.

Vielen Dank für deine Zeit und das Gespräch.
www.kampf-der-kuenste.de, www.zweikampfverhalten.de 

Dopingfreie Leistung (ETV Magazin 04/2013)

Dopingfreie Leistung

Im Sport international erfolgreich zu sein ist kein einfaches Unterfangen. Schwimmer und Weltrekordhalter Steffen Deibler (26) sprach mit ETV Redakteurin Kathrin Friedrich über Erfolgsdruck, Nachwuchsarbeit und auch das heikle Thema Doping.

Eine Studie von Forschern der Berliner Humboldt-Universität und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster entfachte jüngst wieder die Doping-Diskussion, denn auch in Westdeutschland soll systematisch gedopt worden sein. Überrascht?
Ja schon. Von der DDR war das ja bekannt und vielleicht war es ein bisschen naiv anzunehmen, dass das hier nicht passiert ist. Für mich ist das schwierig nachzuvollziehen, denn ich selbst bin mit Doping noch nie in Berührung gekommen und das steht für mich auch nicht zur Diskussion.

Es gibt Diskussionen darüber, die Namen der betroffenen Sportler zu veröffentlichen – wie siehst du das?
Ich habe mich damit nicht viel befasst, weil mir das nichts gibt. Aber wenn sicher ist, wer da gedopt hat, kann das auch benannt werden.
Wenn man das macht, muss man mit den Konsequenzen leben. Das sind ja alles erwachsene Leute, die in ihrer Eigenverantwortung gehandelt haben.

In deiner Sportart, dem Schwimmen, gibt es ja auch immer mal wieder Doping fälle – sprecht ihr als Athleten darüber?
Ja, das ist schon Thema im Team. Da wird ganz normal drüber geredet.

Gibt es auch Leistungen, bei denen von vornherein ein Verdacht entsteht?
Bei den olympischen Spielen in London hat Ye Shiwen eine wahnsinnig schnelle Bahn geschwommen, auf der sie ja auch schneller war als Ryan Lochte. Ich finde es aber schwierig wenn immer gleich ein Dopingverdacht entsteht, nur weil ein Sportler eine gute Leistung erbracht hat. Ich zum Beispiel bin ja auch Weltrekordhalter. [Anm. d. Red.: 50 m Schmetterling (Kurzbahn), 21,80 Sek., aufgestellt 2009]

Es gibt Funktionäre und Trainer, die früher nachweislich gedopt haben. Findest du das ok? 
Menschen können sich ändern und sollten dann die Möglichkeit auf eine zweite Chance bekommen. Allerdings muss sich der Athlet darüber bewusst sein, was da mal passiert ist, wenn er bei so einem Trainer ist.

Doping geschieht ja nicht ohne Grund, es geht um Erfolge. Wie siehst du da den Druck der Öffentlichkeit?
Mir ist das egal, die Öffentlichkeit ist kein Thema für mich. Bei anderen mag das aber anders sein. Der Druck der Öffentlichkeit ist natürlich gegeben und ich glaube, dass ich damit ziemlich gut umgehen kann. Ich schwimme in erster Linie für mich selbst und gebe sowieso mein Bestes. Und wenn das nicht reicht, hadere ich mit mir selbst am meisten.

Radsportler und Cyclassics Sieger John Degenkolb wünschte sich kürzlich „Das Recht zu Verlieren“ – kannst du das nachvollziehen?
Ja, aber ich glaube im Radsport ist das noch extremer. Um zu gewinnen, muss man sehr viel investieren. Einfach ist das nie.

Wie oft musst du zur Kontrolle?
Unregelmäßig, das ist ja unangekündigt. Ich glaube, ich hatte bisher so ca. 60 Kontrollen in meiner Karriere.

Du kommst auch aus einer Sportart, die in den Medien meistens nur zu großen Events vorkommt und bei der dann Erfolge gefordert werden – nervt das? Wenn du aus dem Becken steigst ist ja das erste, was du siehst, ein Mikrofon.
Das ist halt so. Es ist ja auch spannend für die Zuschauer zu hören, was die Sportler zu sagen haben. Und wenn ich nach einem Wettkampf nichts sagen will, dann gebe ich kein Interview.

Gibt es vielleicht ein generelles Missverhältnis von Öffentlichkeit zu Spitzensportlern?
Für das Schwimmen ist die Erwartungshaltung auf jeden Fall falsch. Wir können nicht immer Medaillen holen. Um zum Beispiel mit den Amerikanern mithalten zu können, fehlt es hier an der Struktur.

Was müsste sich dafür ändern?

Dahin zu kommen, würde Jahre dauern. In Amerika ist der Sport an sich viel angesehener, das Training passt zum Schulkonzept. Hier hören viele nach dem Abitur auf, weil es auch zeitlich schwierig wird.

In Hamburg gibt es das erklärte Ziel, möglichst viele Olympiasieger aus der eigenen Stadt hervorzubringen – ist das vielleicht nicht der beste Weg?
Ich will mich da nicht einmischen. Ob das alles super ist, so wie es ist, ist eine andere Frage.
Beim Schwimmen kann das nicht das Ziel sein. Der letzte deutsche Olympiasieger war 1984 Michael Groß. Das liegt schon eine Weile zurück.

Wo würdest du dir ein generelles Umdenken wünschen?
Nachwuchsarbeit ist immer wichtig. Auch das Ansehen der Trainer müsste gesteigert werden. Wenn die Trainer besser bezahlt werden, kann man gute Leute besser binden. Klar haben wir auch gute Trainer, aber es ist halt schwierig, wenn die das alles sozusagen nebenbei machen.

Wie hoch ist dein Trainingsaufwand?
Da kommt schon was zusammen. Meistens so 5 – 6 Stunden am Tag. Natürlich im Wasser und an Land Fitness, Dehnung und so weiter.

Vom Schwimmen allein kannst du vermutlich eher nicht leben, oder?
Doch, können ich und auch mein Bruder Markus seit 2008 tatsächlich. Bis 2016 ist das zum Glück auch noch gesichert. Wir wollen ja international erfolgreich sein und das ist nicht möglich, wenn man noch seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Die Sporthilfe hilft, aber möglich ist es jetzt hauptsächlich durch die Kreissparkasse Biberach.

Was sind deine nächsten Ziele?
Natürlich weiterhin der Abschluss meines Studiums der Umwelttechnik und sportlich die EM in Berlin im Sommer 2014.

Vielen Dank für das Interview du alles Gute für deine nächsten Ziele.

Bei Fußballern im Wohnzimmer (ETV Magazin 03/2013)

Früher spielten sie beim ETV Fußball, vor drei Jahren gingen Axel Möring und Jurek Rohrberg mit ELBKICK.TV an den Start. Seitdem gewinnt das Format der online Videoberichterstattung immer mehr Zuschauer und knackt mit seinem YouTube Channel jüngst die Millionen-Marke. Bald soll auch noch eine Plkatkampagne auf das Projekt hinweisen.
Redakteurin Kathrin Friedrich sprach mit den beiden über das erfolgreiche Konzept,  Löcher in der Wohnzimmerwand, geliehene Kameras und die geplante Expansion nach Berlin.

Wie seid ihr auf die Idee zu Elbkick.TV gekommen?
Jurek: Das war 2009 auf Mallorca, als wir da zusammen Urlaub gemacht haben. Wir haben über Amateurfußball gesprochen und überlegt, was man machen könnte.
Axel: Wir haben rumgesponnen, was gehen würde und hatten überlegt, ob Fernsehberichterstattung möglich wäre, aber dafür war das Budget nicht da. Am 26. Juli 2010 sind wir dann mit dem ersten Video im Internet  gestartet.

Gab es mal Momenten in denen ihr dachtet, das Ganze würde scheitern?
Axel: Nein. Wir haben einfach an die Sache geglaubt.
Jurek: Die Finanzierung war natürlich anfangs schwierig, jeder von uns hat erst mal 50 € eingezahlt.
Axel: Als wir dann gestartet sind, haben wir echt viel positives Feedback bekommen.

Was waren die größten Startschwierigkeiten?
Axel: Ich sag mal so: wir hatten eine Vision, aber keinen Plan. Wir mussten erst noch lernen, wie man einen Bericht am besten macht.
Jurek: Anfangs haben wir noch in meinem Wohnzimmer gedreht. Ich musste jedes Mal umbauen und die Sponsorentafel hat ein Loch in der Wand hinterlassen. Manchmal haben wir bis 2 oder 3 Uhr nachts gearbeitet. Und die Kameras waren von der Macromedia Hochschule, wo ich damals studiert habe, geliehen.
Axel: Ja, das wurde noch 1:1 überspielt. Heißt, wenn man eine Stunde gedreht hat, hat man auch eine Stunde lang überspielt.

Wofür steht Elbkick.TV?
Axel: ELBKICK.TV ist 100 % Amateurfußball. Außerdem haben wir den Anspruch alle Ligen abzudecken und niemanden zu vernachlässigen.
Jurek: Wir stehen für Amateurfußball pur. Das wissen die Leute auch mittlerweile.

War es schwer, die Vereine vom Konzept zu überzeugen?
Axel: Das ist ja eher Werbung für die Vereine. Die haben das von Anfang an positiv gesehen. Viel läuft über persönliche Kontakte, das mach es nochmal leichter, an Leute ranzukommen.
Jurek: Ein wichtiger Meilenstein war auch die offizielle Partnerschaft mit dem Hamburger Fußballverband. Das in Verbindung mit einem vernünftigen Auftreten und guter Arbeit  macht es natürlich einfacher.

Jetzt zum Thema Geld, wie sieht es mit der Finanzierung aus?

Axel: Spannend. Wir haben mittlerweile vier Hauptsonsoren, damit ist das Limit in Hamburg aber auch erreicht. Die ersten Jahre haben wir natürlich viel investiert.
Jurek: Als das erste Geld rein kam war das hilfreich. Es ist schon befreiend, eigene Kameras nutzen zu können und die nicht immer ausleihen zu müssen.

Wie groß ist euer Team?
Axel: Wir beschäftigen drei Leute, davon zwei Redakteure, insgesamt sind 14 Leute im Team.

Plaudert mal aus dem Nähkästchen: gibt es echte Diven im Hamburger Amateurfußball?
Jurek: (lacht) wir nennen jetzt bestimmt keine Namen. Natürlich ist jeder anders. Das ist schon spannend, viele reden ganz locker. Beim manchen ändert sich das, wenn die Kamera angeht. Die Leute sind halt so, wie sie sind, und eigentlich sind es immer tolle Charaktere.
Axel: Das macht es auch Authentisch. Die Kamera sieht ja alles. Bei einem Interview im Printmagazin wie hier gerade, kann man die Antworten so aufschreiben, dass sie gut zu lesen sind und wenn jemand ständig „Alter“ sagt, dann steht das halt nicht drin. Bei uns sieht man das dann.

Sammelt ihr eure Ideen grundsätzlich noch selbst, oder werden schon viele Vorschläge an euch herangetragen?

Axel: Wir bekommen viele Pressemeldungen von den Vereinen. Natürlich planen wir immer Themen die wir machen möchten, wir gehen aber auch auf vorgeschlagenes ein. Unser Vorteil ist, dass wir uns an keinen Redaktionsschluss oder Erscheinungstermin halten müssen. So können wir auch schnell reagieren wenn etwas Wichtiges passiert.

Ist es im Amateurbereich schwerer als bei den Profis Vielfalt zu bieten? Es gibt besser und schlechter organisierte Vereine…
Jurek: Es ist manchmal ja auch ein Vorteil, wenn man nicht über die Pressestelle gehen muss. Viel kommt über persönliche Kontakte und die meisten Leute wollen auch gerne kommen. Es passiert nur ganz selten, dass da ein Verein mal sagt, dass er das nicht so gut findet.

Habt ihr eine Lieblingskategorie?
Axel: Ich finde alle sehr gut, aber das Format „@ Home“ ist schon super, das vermittelt noch mal einen ganz anderen Eindruck von den Leuten.
Jurek: Der Talk macht irre Spaß. Grundsätzlich finde ich auch alles spannend, was persönlich ist, die Portraits zum Beispiel.
Axel: Toll ist natürlich auch, dass wir eine Hamburger Amateurfußballlegende wie Eugen Igel als Fachmann haben. Der hat viele Kontakte und ist von Anfang an dabei. Der Fragt nie, ob gedreht wird, sondern nur, wann. Der ist einfach authentisch und super vor der Kamera.

Welches Thema ist euch am meisten im Gedächtnis geblieben?
Axel: Alles ist eine Geschichte für sich und jeder Beitrag bringt was mit. Super war zum Beispiel als wir 2010 den ETV die ganze Pokalsaison als Pokalschreck vorgestellt und begleitet haben und die das am Ende wirklich gewonnen haben.
Jurek: Pokalberichterstattung ist immer spannend, weil man gezielt auf das Finale hinarbeitet. Aber wenn ich zu einem Kreisligaspiel gehe und da sind 150 begeisterte Zuschauer, dann ist das genauso toll.

Was möchtet ihr gerne mal machen?
Jurek: Livegeschichten sind in Planung. Grundsätzlich schauen wir immer danach, wo Leute sind, die was zu erzählen haben.

Jurek, du bist bei Sky. Sind Amateure oder Profis einfacher?
Jurek: Amateure, weil Fußball das Hobby ist. Natürlich gibt es auch sehr lockere Profis, aber die Amateurspieler fühlen sich immer geehrt. Auch wenn manche dann vor der Kamera ein bisschen gehemmt sind, weil sie das eben nicht kennen.

Was bedeutet euch die Auszeichnung „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“ vom Bundeswirtschaftsministerium?
Axel: Da haben wir uns natürlich sehr drüber gefreut. Das ist eine tolle Anerkennung unserer Arbeit, zumal viele Firmen und tolle Konzepte mit im Rennen waren.

Im Abendblatt war von einer Expansion zu lesen, wie konkret ist das?
Axel: In Berlin haben wir das Pokalfinale als Pilotprojekt gemacht. Da suchen wir gerade Leute und führen Partnergespräche. Das Ziel ist am 1. August mit SPREEKICK.TV zu starten. Da können wir sicherlich viele Erfahrungen aus Hamburg mit einfließen lassen.

Was ist denn Voraussetzung um bei euch mitzuarbeiten?
Jurek: Grundsätzlich muss man nur motiviert sein. Sich bewerben kann man gerne jederzeit. Es hilft natürlich wenn man Fußballinteressiert ist und ELBKICK.TV nicht als etwas betrachtet, was man mal so nebenbei machen kann.

Könnt ihr immer überall da sein, wo ihr wollt, oder entgeht euch noch manchmal was?
Jurek: Wir müssen schon Prioritäten setzen, da wir durch das Internetformat aber an nichts gebunden sind, können wir immer sehr schnell reagieren.

Ihr spielt beide selbst noch Fußball in der Oberliga, habt ihr an Wochenenden noch Spaß?
Axel: Also ich sehr viel. Das frisst natürlich alles sehr viel Zeit, aber ich brauche das als Ausgleich. Auf dem Platz kann ich anschalten und da bekomme ich dann auch mal keine E-Mails und mein Handy klingelt nicht.

Was sind eure Ziele für die Zukunft?
Jurek: Alles noch zu verbessern und neue Formate einzubauen. Berlin ist natürlich auch ein großer Schritt. Und wir müssen dabei die Geduld bewahren – wer hat schon gerne Geduld
Axel: Ganz klar die Weiterentwicklung. Wenn wir mit dem Sprung nach Berlin auch national aufgestellt sind, ist das für Sponsoren vielleicht auch noch mal interessanter.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für euch!

Comiczeichner Guido Schröter (ETV Magzin 01/2013)

© Doose

Fliegen sind kein gutes Zeichen

Guido Schröter zeichnet seit über 20 Jahren erfolgreich Fußballcomics.ETV Redakteurin Kathrin Friedrich ist großer Fan seiner Arbeiten und sprach mit ihm über dieSüddeutsche, Fliegen und Frank Ribéry

Wie wird man (erfolgreicher) Comiczeichner?
Na ja, Erfolg ist ja immer relativ. Aber, wie wohl die meisten, habe ich auch als Kind schon immer viel gezeichnet und gemalt. Auch eigentlich schon immer in der Verbindung Bild und Wort, meine Figuren hatten meistens Text dabei. Im Herzen war ich es eigentlich schon immer.
1988 habe ich mich dann per Post mit einem Comicstrip beim Millerntor Roar beworben. Auf so einem abgerissenen Zettel kam dann die Zusage und dann ging es los. Seit etwa 1995 bin ich auch bundesweit vertreten.

Wie lange brauchst du für einen Comic?
Das ist unterschiedlich. Wenn zum Beispiel WM ist muss ich ja auch in kürzeren Abständen liefern, dann krieg ich das in zwei Stunden gezeichnet. Die eigentliche Arbeit ist ja auch das Ausdenken der Themen. Das nimmt die meiste Zeit in Anspruch.

Das ist ja vermutlich auch ein ständiger Prozess?
Ja, das läuft eigentlich immer im Hintergrund mit. Sobald ich Fußball gucke oder etwas darüber lese, dann kommen mir auch automatisch Ideen.

Deine Themen sind ja immer aktuell. Wann hast du zum Beispiel den Comic gemacht der sonnabends im Abendblatt war?
Also abgegeben habe ich denn Freitagnachmittags. Dann hatte ich ein paar Stunden Fußballfrei und beim Abendspiel habe ich eigentlich immer schon angefangen darüber nachzudenken, was das nächste Thema sein könnte.

Machst du die Vorlagen von Hand oder gleich am Rechner?
Das ist so eine Mischform. In der Regel ist alles, was schwarz ist von Hand. Ein Teil der Kolorierungen auch. Aber den finale Comic, so wie in der Zeitung erscheint gibt es dann nicht mehr so als Vorlage.

Gibt es eigentlich Resonanz von Spielern?
Nein. Aber da müssen die auch drüber stehen, finde ich. Als Marcel Eger und Florian Lechner noch bei St. Pauli gespielt haben, habe ich aus den Erzählungen von den beiden manchmal was mitbekommen.
Ich hab mal einen Comic zum Thema einwechseln und Florian Bruns gemacht, ich weiß, dass er damit recht lange aufgezogen wurde.

Ist dir eine deiner Arbeiten ganz besonders wichtig?
Eigentlich nicht, aber ich hatte mal ein sehr kurioses Erlebnis. Für die Stadionzeitung des VfL Bochum habe ich auch eine Zeitlang Comics gemacht. Und als die Heimspiel gegen Mainz hatten, hatte der Comic eine Handlung mit beiden Trainer, damals Peter Neururer und Jürgen Klopp, und im Comic ging das Spiel 6:2 für Bochum aus. Tatsächlich hat Mainz dann gewonnen – und zwar 6:2! Wie oft kommt bitte so ein Ergebnis vor?! Und dann auch noch das Umgedrehte aus dem Comic. Das war schon lustig.

Hast du ein Lieblingsmotiv, oder einen Spieler, den du besonders gerne zeichnest?
Das ist schwierig und wechselt auch. Am liebsten sind mir Leute mit Ecken und Kanten. Deswegen nehme ich auch die Trainer ganz gerne, die Spieler sind ja heute alle recht gleich. Das merkt man ja auch in Interviews, ob da nun der eine oder der andere eine Aussage macht, ist ja kein großer Unterschied.
Franck Ribéry zeichne ich gerne. Der sieht einfach besonders aus und ist gut darstellbar.

Wie frei bist du grundsätzlich in der Themenauswahl?
Da habe ich freie Hand. Die Süddeutsche fragt manchmal, was denn das Thema ist, aber auch mehr um zu wissen, wo sie den Comic am besten platzieren.
Bei der WM sagen die hin und wieder mal was. Zum Beispiel, dass sie lieber was zu Frankreich hätten, weil die Seite, wo es um Deutschland geht schon voll ist oder so.
Gibt es Themen die tabu sind?
Alles politisch Unkorrekte natürlich, aber ansonsten nicht, nein.

Gibt es ein Thema, das du noch nie hattest, aber immer mal machen wolltest?
Nö, oder vielleicht Jogi Löw, wie er Oli Kahr mal den WM Pokal über den Scheitel zieht.

Wie frei bist du denn grundsätzlich in der Themenauswahl?

Da habe ich freie Hand. Die Süddeutsche fragt manchmal, was denn das Thema ist, aber auch mehr um zu wissen, wo sie den Comic am besten platzieren.
Bei der WM sagen die hin und wieder mal was. Zum Beispiel, dass sie lieber was zu Frankreich hätten, weil die Seite wo es um Deutschland geht schon voll ist oder so.

Die Süddeutsche ist eine der wichtigsten deutschen Zeitungen, sind die auf dich zugekommen?
Das hat genauso angefangen wie beim Millerntor Roar. 2004 habe ich nach der EM da einen Comic mit Otto Rehagel hingeschickt.

Etwa auch per Post?
Genau, und drei oder vier Wochen später starteten dann die Fußballgötter in der SZ.

Siehst du dich als Künstler?
Ja. Schon allein wegen der ganzen Arbeit, die dahintersteckt, sich die Themen auszudenken.

Hin und wieder werden einige deiner Figuren von Fliegen umkreist, was hat es damit auf sich?
Die Fliegen sind immer kein gutes Zeichen. Die symbolisieren die Aura, die die Person umgibt.
Also Fliegen bei den Unsympathen?
Na ja, das liegt ja immer im Auge des Betrachters.

Die Fußballgötter gab es ja vor ein paar Jahren mal animiert vor der Sportschau, wird es die noch mal in bewegen Bildern geben?
Das ist schwierig. Zum einen, wegen der Aktualität. Das muss immer schon Anfang der Woche produziert werden, dann reden bei der sportschau auch ziemlich viele Leute mit. Außerdem war es auch schwer Stimmen zu bekommen. Es ist nicht so leicht jemanden zu finden, der mal eben Huub Stevens oder Felix Magath sprechen kann. Und das wird auf die Stimmen animiert, muss also zuerst eingesprochen werden.

Außerdem sind Fußball und Humor auch manchmal schwer kombinierbar. Da gab es hin und wieder Kritik von den Fans der betreffenden Vereine.

Was machst du abgesehen von den Comics, die man so aus der Zeitung kennt?
Den St. Pauli Comix Kalender. Nachdem ich den zwei Jahre mit einem Verlag gemacht habe, mache ich den jetzt wieder in Eigenregie.

Warum das?
Verlage möchten ja möglichst schon im März den neuen Kalender fertig haben. Ich wollte aber immer möglichst lange warten, so dass der Kalender von den Themen her aktuell ist.

Deine Internetseite heißt scheissfussball.de – wie kommt man auf sowas?
Das sollte auch ein bisschen das Gefühl ausdrücken, das man hat wenn man im Stadion steht. Wenn du so nach fünfzehn Minuten mit 2:0 hinten liegst und es regnet wie blöd. Fußballfans leiden ja sowieso bei den Spielen mehr, als dass sie sich freuen. Selbst wenn du nach fünf Minuten mit 1:0 gegen Bayern in Führung gehst – dann leidest du die restlichen 85 Minuten auch.

Wie häufig kommt es vor, dass du ein St. Pauli Heimspiel verpasst?
Bis zur Geburt meines Sohnes in diesem Jahr nie. Naja, vielleicht mal alle vier Jahre eins.

Warst du immer St. Pauli Fan?
Nein, seltsamerweise wurde ich 1977 oder 1978 zuerst Fan des VfB Stuttgart. Vielleicht um den ganzen HSV Fans in der Schule was entgegen zu setzen. Aber ein Stadionbesuch im Millerntor 1988 hat das dann alles überdeckt. Seitdem bin ich St. Pauli Fan.

Bei dir taucht hin und wieder die Figur Froschi auf, was zu der Frage veranlasst: Wer ist eigentlich Froschi?
Mit Froschi kommuniziere ich im Geiste. Er ist sozusagen ein Teil von mir.

Zukunftspläne?
Ich möchte mal das gebundene Gesamtwerk der Fußballgötter herausgeben. Am liebsten in Leder gebunden und auf richtig schönem Papier.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg weiterhin.

Ex-Torhüter Stefan Wächter (ETV Magazin 1/2013)

Stefan Wächter (34 / Foto, r.)war von 2003 – 2006 Schlussmann des Hamburger SV. 2010 musste er seine Karriere verletzungsbedingt, bei Hansa Rostock, beenden. Mit dem ETV sprach er unter anderem über Mentaltraining, Berufsplanung und das Unternehmen „Elbler“, das er gemeinsam mit Jan Ockert (Foto, l.) gegründet hat.

Wann hast du angefangen Fußball zu spielen?
Recht spät. In der D-Jugend erst, also so mit 10 oder elf Jahren.
Aber ich komme ja aus dem Ruhrpott, da gibt es noch echten Straßenfußball und vorher habe ich natürlich schon mit Freunden in den Hinterhöfen gespielt.

Wann war dir klar, dass du Profi werden kannst?
Auch recht spät. Ich glaube als ich mit 16 zum VfL Bochum und damit zu meinem ersten Bundesligaklub gegangen bin. Dort hatte ich das große Glück Bernard Dietz als Trainer zu haben. Der hat mir nicht nur viel über Fußball beigebracht, sondern auch sehr auf die charakterliche Entwicklung geachtet. Er war sechs Jahre mein Trainer und hat mich in dieser Zeit wirklich sehr geprägt.

War da Mentaltraining schon in irgendeiner Form dabei?
Irgendwie trainiert man ja immer auch mental. Und als Fußballer muss man sich im Team natürlich auch immer damit auseinandersetzen, wo man hingehört, innerhalb der Gruppe. Man lernt Sozialverhalten, sich selbst und seine Position im Team einzuschätzen und danach zu agieren. Außerdem muss man empathisch sein und Sport vermittelt auch Disziplin. Das muss ja auch so sein, ohne würde es nicht funktionieren. Im Sport kommen solche Fähigkeiten sicherlich schneller zum Tragen. Da kann man innerhalb eines Jahres einen großen Schritt machen, was außerhalb von Sport vielleicht länger dauert. Trotzdem sind all diese Fähigkeiten auch im Leben wichtig.

Was hältst du denn generell von Mentaltraining? Gerade Torhüter müssen ja starke Nerven und viel Selbstvertrauen haben…
Grundsätzlich finde ich das schon interessant. Unter Thomas Doll hatten wir beim HSV auch einen Mentaltrainer. Es gibt da ja ziemlich viele Möglichkeiten, sei es autogenes Training, Hypnose etc. aber wichtig finde ich, dass man sich da nicht versteift. Wenn man das zu verbissen sieht funktioniert es auch nicht mehr. Der Kopf muss einfach was aus den gegebenen Anlagen machen.

Abgesehen von Mentaltraining – glaubst du, dass sportliche Erfahrungen im Alltag nützlich sind?
Ja. Die emotionale Intelligenz, die der Sport vermittelt ist sehr wichtig. Außerdem sammeln Leistungssportler Erfahrungen im Grenzbereich, sowohl körperlich als auch mental. So wird man sich klar darüber, welches Potential Körper und Geist überhaupt haben.

Das funktioniert aber vermutlich auch nur, wenn man das kurz reflektiert?
Klar, man muss sich schon im Klaren darüber sein. Selbstreflexion ist schon wichtig um diese Erfahrungen nutzen zu können. So was lernt man schneller durch Sport, zumal es im Team auch immer Feedback gibt.

Du hattest oft mit Verletzungen zu tun – stärkt einen so etwas im Nachhinein betrachtet mental?
Ich musste meine Karriere ja verletzungsbedingt beenden. Das war schon ein harter Schlag. Sonst habe ich immer die Erfahrung gemacht, dass Verletzungen reparabel sind. Wenn man dann eine Verletzung hat, die eben nicht reparabel ist, dann ist das nicht schön. Es braucht Geduld damit umzugehen, aber letztlich musste ich das einfach akzeptieren. Wenn man so was nicht akzeptiert und sich nur denkt, warum ich und nur jammert, dann macht es einen verrückt. Aber klar, es gibt auch immer wieder Momente in denen ich denke, schade dass ich nicht mehr spielen kann.

Du bist Diplom Sportmanager – konntest du auf dem Weg dahin von sportlichen Erfahrungen profitieren?
Da ehrlich gesagt eher weniger. Ich musste mich erstmals wieder dran gewöhnen, mich hinzusetzen, zu lernen und Klausuren zu schreiben. Das hatte ich zuletzt im Abitur gemacht und dann war ich ja erst mal zehn Jahre lang Fußballprofi, da habe ich mich mit so was nicht beschäftigt.

Warum bist du nicht im Sport geblieben, du warst ja schon mal Torwarttrainer?
Während meiner Umschulung zum Diplom Sportmanager war ich zusammen mit Richi Golz Torwarttrainer beim HSV. Das hätte ich auch gerne weitergemacht.

Aber?
Aber die aktuelle Situation des Vereins ließ das nicht zu.

Mit deinem Geschäftspartner Jan Ockert hast du Elbler gegründet – was verbirgt sich dahinter?
Das ist ein Startup Unternehmen. Wir stellen Apfelcider her, mit Äpfeln aus dem Alten Land.
Die Idee kam von Jan, mit dem ich schon lange befreundet bin und der früher beim HSV im Marketing war. Als er mir von der Idee erzählte hatte ich gleich ein gutes Bauchgefühl – Das einschätzen zu lernen, dabei hilft übrigens auch der Sport – und dieses Bauchgefühl war dann das Hauptkriterium meiner Entscheidung. Mit dem Vertrieb sind wir Anfang 2012 gestartet und haben eine wirklich gute Resonanz, unsere Erwartungen wurden übertroffen.

Wann hast du eigentlich angefangen dir über deine berufliche Zukunft Gedanken zu machen?
Hin und wieder mal, aber ehrlich gesagt nie ernsthaft. Ernsthaft habe ich damit erst angefangen, als ich wusste, dass ich nicht mehr Fußballspielen kann. Da wurde mir dann auch klar, dass mich noch 30 Jahre Arbeitsleben erwarten. Aber zum Glück müssen solche Entscheidungen ja nicht sofort getroffen werden, da nehme ich mir schon ein bisschen Zeit für. 30 Jahre am Strand liegen, geht ja auch nicht. Allein für mein Selbstwertgefühl schon nicht, ich möchte schon noch aktiv was machen.

Wie ist denn die Umstellung von Fußballprofi zu Arbeitswelt?
Ich glaube, viel zu viele Fußballer sind sich gar nicht im Klaren darüber, was für ein Luxus es eigentlich ist, sein Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Außerdem muss man die anderen schätzen. Es gibt ja Leute, die viel härter arbeiten, aber viel weniger Geld bekommen, dabei machen sie wirklich wichtige Jobs. Das sollte man sich auch als Profisportler immer mal wieder vor Augen führen.

Wie wichtig ist dir Sport heute noch?
Sehr wichtig. Ich brauche es körperlich und mental. Ich mache viel Spinning und Fitness, das ist mir für meinen mentalen Ausgleich sehr wichtig. Es hilft, um einfach mal den Kopf frei zu kriegen. Außerdem kann man mit einem gesunden Körper sein geistiges Potential auch viel besser nutzen. Nicht umsonst heißt es ja ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Ich glaube da ist echt was dran. Man muss auch auf die Zeichen des Körpers achten. Dafür sind Sportler auch sensibilisiert.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für die Zukunft!

Olympiasieger Tobias Hauke (ETV Magazin 04/2012)

 

Tobias Hauke spielt Hockey beim Harvestehuder Tennis und Hockeyclub (HTHC), bei den olympischen Spielen in London wurde er bereits zum zweiten Mal Olympiasieger. Im Interview spricht er über Teamgeist, Vorbilder und Ziele.

Wie bist du zum Hockey gekommen?
Durch die Familie. Mein Großvater hat hier früher im Büro gearbeitet und meine Schwestern und meine Mutter spielen auch Hockey.

War dir gleich klar, dass das dein Sport ist?
Anfangs habe ich auch Tennis gespielt. Bis ich 13 war, war es sogar eher mehr Tennis. Damals habe ich so 5 Mal in der Woche Tennis gespielt und 2 – 3 Mal Hockey.

Warum hast du dich dann für Hockey entschieden?
Beim Tennis ist man immer allein. Es ist Einzeltraining und zu den Turnieren fährt man auch allein. Hockey ist hingegen ein Teamsport, das hat dann schon den Ausschlag gegeben.

Wann wurde dir klar, dass du auch richtig erfolgreich Hockey spielen kannst?
Das war bei den Knaben A, als ich das erste Mal an einer Deutschen Meisterschaft teilgenommen habe. Da habe ich dann auch mal andere Teams gesehen und wusste, dass ich nicht so schlecht bin. An die Möglichkeit der Bundesliga habe ich immer geglaubt, oder es jedenfalls gehofft, so wirklich überzeugt, dass ich es kann, war ich aber wirklich erst, als ich mein erstes Spiel in der Bundesliga gemacht habe.

Wie oft trainierst du in der Woche?
Momentan so zehn Mal. Mit der Mannschaft 4 Mal abends und den Rest individuell morgens, es soll ja auch sehr gesund sein, wenn man morgens Sport macht. Mit der Nationalmannschaft in der Vorbereitung auf Olympia war es dann drei Mal täglich mit der Nationalmannschaft. Das fing im Februar mit intensiver Vorbereitung auf London an.

Hast du mal gezweifelt, ob du das alles auf dich nehmen möchtest? Wegen des hohen Trainingsaufwands?
Eigentlich nicht. Ich mache das aus Leidenschaft. Hockey ist mein Lebenselixier und es gleicht mich aus. Außerdem ist eine sportliche Laufbahn begrenzt, Hockey kann ich maximal noch fünf oder zehn Jahre machen.

Hättest du es nicht trotzdem manchmal gerne, dass Hockey mehr in der Öffentlichkeit präsent wäre?
Klar wäre eine vermehrte öffentliche Wahrnehmung manchmal schön und man kann von Hockey auch nicht leben. Das bringt ein Amateursport nun mal so mit sich. Ich finde es auch ganz angenehm nicht dem öffentlichen Druck ausgesetzt zu sein, mit dem zum Beispiel ein Fußballprofi leben muss. Bei denen wird ja wirklich alles in die Öffentlichkeit gezerrt und die können sich ja kaum draußen frei bewegen. Und die Fußballfans sind manchmal recht rigoros.

Du hast auch schon mal in Köln gespielt, warum?
Ich bin in der Schulzeit nie ins Ausland gegangen und ich hatte das Gefühl, dass ich auch Erfahrungen außerhalb von Hamburg brauche. Ich wollte einfach eine andere Mentalität kennen lernen. Außerdem passte das auch gut mit meinem BWL Studium.

War gleich klar, dass du nach Hamburg zurückkommst? Immerhin bist du mit Köln zwei Mal deutscher Meister geworden.
Ja, das war klar. In Hamburg sind einfach meine Familie, meine Freunde und mein Verein.

In London bist du schon zum zweiten Mal Olympiasieger geworden. Bedeutet dir einer der Olympiasiege mehr?
Das zweite Mal war schon etwas Besonderes. In Peking kam ich sozusagen von 0 auf 100 in die Mannschaft. Auf London habe ich vier Jahre hin trainiert, das habe ich schon alles intensiver wahrgenommen. Außerdem war das Publikum sehr begeisterungsfähig.

Gibt es einen Titel in deiner Karriere, der dir generell am wichtigsten ist?
Na ja, zumindest habe ich einen Titel, den sonst nicht viele haben.

Und zwar?
Mit dem Johanneum bin ich deutscher Schulhockeymeister geworden. Außerdem bin ich 2010 Weltnachwuchsspieler gewesen, das ist natürlich schon eine tolle Auszeichnung.

Empfindest du dich als Vorbild für Kinder?
Ich gebe mein Bestes und versuche schon, ein Vorbild zu sein. Gerade nach Olympia kommen auch hin und wieder Kids und stellen Fragen. Außerdem versuche ich auch am Wochenende immer mal wieder bei Jugendspielen vorbeizuschauen, damit die Kinder wissen, dass es da Interesse gibt.

Hattest du selbst ein sportliches Vorbild?
Na ja, ich fand damals schon immer die HTHC Stars toll.

Du unterstützt Hockeycamps für Kids – wieso?
Nachwuchsförderung ist total wichtig und ein guter Trainer auch. Ich hab‘ als Kind selbst solche Camps mitgemacht. Erfolgreiche Trainer können den Kindern gut weiterhelfen und zeigen, was geht. Das ist wichtig, weil Talente sonst oft gar nicht zu den Chancen kommen, die sie brauchen.

Hockey gilt oft als elitär, was hältst du von dem Klischee?
Warum? Elitäre Leute gibt es doch überall, das hat nichts speziell mit Hockey zu tun. Hockey ist doch heute ein Sport für alle und in Hamburg auch sehr ausgeprägt. Gerade für Kinder.

Was macht denn für dich gutes Nachwuchstraining aus?
Vor allem den Kindern Spaß zu vermitteln, also ihnen einen Grund zum Wiederkommen zu geben. Wenn ich am Ende des Trainings frage, ob es Spaß gemacht hat und ob alles wiederkommen möchten und alle Kinder rufen „Ja!“, dann habe ich als Trainer was richtig gemacht.
Ehrgeiz kommt erst später. Nach dem Spaß kommt die Technik und auch Teamgeist sollte sehr früh entwickelt werden. Die Kids müssen lernen, dass es auch eine Verantwortung gegenüber dem Team gibt und man sein Team nicht hängenlassen darf.

Euer Bundestrainer, Markus Weise, hat das Nachwuchskonzept im Schulsport kritisiert. Wie siehst du das?
Ich bin ja schon so sechs, sieben Jahre aus der Schule raus. Grundsätzlich finde ich aber auch, dass Sport in der Schule zu kurz kommt. Vielen Kindern wird es zu einfach gemacht, ganz grundsätzlich den Sport zu umgehen. Vielleicht wäre ein Unterricht in Blöcken gut, dann könnte es auch einen Sportblock geben. Sport ist auch für die weitere Entwicklung wichtig und man lernt dort vieles, was auch für den Job relevant ist. Außerdem sind Sportler auch gesünder.

Welche Ziele möchtest du noch erreichen?Grundsätzlich will ich immer das nächste Spiel gewinnen. Es ist auch nicht so, dass etwas für mich abgehakt ist, nur weil ich es schon einmal erreicht habe. Ich möchte unbedingt mit dem HTHC Deutscher Meister werden. Die Feld WM steht auch noch an und dann möchte ich natürlich auch einen guten Job finden.
Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für diese Ziele!

Das Interview führte Kathrin Friedrich

 

Ein Teil von jener Kraft…(ETV Magazin 02/2012)

Interview mit Schauspieler Philipp Hochmair zum Faust-Marathon im Thalia Theater:

Die „Faust“ Inszenierung am Thalia Theater von Regisseur Nicolas Stemann ist acht Stunden lang und damit eine echte Heraus- forderung für die Akteure. Nun erfolgte eine Einladung zum Theatertreffen nach Berlin, dem bedeutendsten deutschen Theaterfestival. ETV-Redakteurin Kathrin Friedrich hat das Stück gesehen und war beeindruckt. Für das ETV Magazin sprach sie mit ‚Mephisto‘ Philipp Hochmair (38). Im Interview geht es unter anderem um die sportliche Herausforderung beim Theaterspielen, den Reiz der Rollenentwicklung und um Glaskästen im Wohnzimmer von Helmut Schmidt.

Die „Faust“ Inszenierung dauert im Marathon acht Stunden, wie anstrengend ist das?
Das hängt stark von der Saaltemperatur ab. In Salzburg zum Beispiel waren es bestimmt 35 Grad. Das ist dann schon wirklich Sport und echt anstrengend. Ansonsten macht es extrem viel Spaß.

Hast du dich in dem Fall speziell darauf vorbereitet?
Man muss auf jeden Fall viel Vertrauen in seine eigene Kraft haben. Ohne entsprechende Kondition geht da gar nichts. Ich sehe aber Theater generell als Extremsport wo die körperlichen Grenzen gefordert werden. In der Vorbereitung auf den Faustmarathon hat es aber schon geholfen, dass ich sowieso viel laufe und Rad fahre.

Fandest du es gewagt als Nicolas Stemann erzählt hat, wie lang das Stück werden soll?
Überhaupt nicht. Ich finde, das war ein ganz wichtiger Schritt. Eine Möglichkeit, Grenzen zu erreichen, an die wir sonst im Theater nicht kommen.
Inszenierungen, die eine oder zwei Stunden dauern, sind ja keine Herausforderung.

Wie groß ist denn die sportliche Herausforderung am Theaterspielen?
Sehr groß. Theater ist mit einer starken Physis verbunden. Ich wurde mal als ‚Körperterrorist‘ bezeichnet. Das trifft es ganz gut, denn ich sehe Theaterspielen als einen sehr körperlichen Vorgang.

Hast du dich schon damit befasst, wie du das in 20 oder 30 Jahren machst?
Das ist auch ein Grund Sport zu treiben und Yoga als Ausgleich zu nehmen. Aber es kommt ja auch total viel zurück, es wird nicht nur gefordert. Theaterspielen ist immer auch mit einem Raum-Zeit Dialog verbunden. Eigentlich kann man sagen, dass Theater wie Schachboxen ist.

Was bitte ist denn Schachboxen?
Dabei wird abwechselnd Geboxt und Schach gespielt. Für den Sieg sind dann die Ergebnisse aus beidem entscheidend.

Weißt du, wie es bei älteren Kollegen mit der Fitness aussieht?
Ich glaube die Generation vor mir hat sich ihre Energie noch anders gesucht, da spielen Alkohol und Zigaretten noch eine viel größere Rolle. Einer meiner Lehrer hat während der Probe schon gerne mal 5 Liter Bier getrunken. Da kam die Energie noch mehr über Zerstörung. Ich habe einen anderen Dialog zu mit selbst und hole mir meine Energie anders.
Nach dem Faustmarathon gehe ich auch nicht feiern, sondern schlafen. Obwohl es nach so einen Stück schon so zwei Stunden braucht bis wieder Ruhe da ist.

Was ist für dich der Reiz daran, Bühnenschauspieler zu sein und den Schwerpunkt nicht auf Film/Fernsehen zu haben?
Ganz klar wegen des Wachsens der Rollen. Ein Film ist mehr ein Segment. Der wird einmal gedreht und kann dann nie wieder verändert werden. Das ist mir zu statisch. Im Theater entwickeln sich die Rollen immer weiter. Den „Werther“ spiele ich seit 1997, von da bis heute ist das Stück 30 Minuten länger geworden und das nicht etwa, weil ich eitler geworden wäre, sondern weil die Rolle einfach weiter gewachsen ist. Im Theater muss man ein anderes Bewusstsein für die Umstände haben und auf diese reagieren. Das macht es auch vergleichbar mit Sport.
Ich habe zum Beispiel im Februar „Amerika“, eines meiner Solostücke, bei Helmut Schmidt im Wohnzimmer gespielt. Da konnte die Aufführung auch nicht so stattfinden wie auf der Bühne. Im Theater gibt es in „Amerika“  einen großen Glaskasten, der konnte im Wohnzimmer vom Helmut Schmidt  natürlich nicht aufgebaut werden. Zumal ich sowieso nur ganz wenig am Raum verändern durfte. So musste ich mit dem Stück auf die Gegebenheiten reagieren, das macht das Theater so spannend.

Wie viele Rollentexte hast du im Kopf?
12

Kannst du jeden jederzeit abrufen?
Ja. Die bleiben auch recht lange hängen. Wenn ich jetzt ein bisschen überlege könnte ich noch mehr aufzählen.

Wie lernst du Text?
Auch aktiv. Den „Werther“ habe ich zum Beispiel beim Radfahren gelernt.

Beim Radfahren?
Naja, freihändig fahren und mit Textbuch. In dem Fall entlang der Pegnitz in Nürnberg.Ansonsten lerne ich auch gerne mit einem Gegenüber im Dialog, aber auf jeden Fall ist das bei mir kein stupides Auswendiglernen.

Gäbe es für dich eine Alternative zur Schauspielerei?
Nein…Action Painting vielleicht.

Im Weihnachtsmärchen spielst du den gestiefelten Kater. Was ist schwerer, vor Erwachsenen oder vor Kindern zu spielen?
Prinzipiell ist das alles gleich schwer. Aber es nimmt natürlich schon Arbeit ab, wenn aus dem Publikum viel zurückkommt. Es ist schön zu sehen, wie die Kinder reagieren und auch die Erwachsenen wieder zu Kindern machen.

Was ist generell deine Lieblingsrolle?
Mephisto

Warum der?
Mephisto ist der Inbegriff des Kreativen. Mit dieser Rolle umzugehen macht einfach Spaß.

Was möchtest du unbedingt mal spielen?
Varianten zu Mephisto. Den K. im „Schloss“ zum Beispiel [von Franz Kafka a.d.Red.]. Ich finde die Perspektive spannend, Zerstörung, die etwas schafft. Wie Mephisto in Faust sagt: ‚Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. ‘ Es gibt eben kein Richtig und Falsch, das ist im Leben auch so.

Habt ihr mit der Einladung nach Berlin gerechnet?
Ich habe mich auf jeden Fall sehr gefreut. In der Faustinszenierung steckt viel Energie.

Wie lange hat es gedauert, das Stück zu entwickeln?
10 Monate. Aber eigentlich kann man sagen, es ist die logische Folge aus 15 Jahren Zusammenarbeit mit Nicolas Stemann.

Dann war das ein Langzeitprojekt?
Nein, das nicht. Aber vor 15 Jahren haben wir mit „Werther“ angefangen. Der ist sozusagen die Basis für Faust. So große Projekte sind wichtig. 1999 gab es auf Kampnagel mal die „Möwe“, „Antigone“ und „Leonce und Lena“ an einem Abend. Das ging schon in Richtung Faust-Marathon. Also die Neigung und Sehnsucht, den Rahmen zu sprengen mit großen Projekten, die war schon immer da.
Es ist schön, den Rahmen zu sprengen. Drei Mal „Werther“ an einem Tag zu spielen, macht zum Beispiel Spaß. Nur ein Stück ist eigentlich zu wenig Auseinandersetzung mit sich selbst. Das geht mir auch in der Probe so. Proben finde ich wahnsinnig anstrengend, das Spielen auf der Bühne ist dann aber großartig.

Was sind deine nächsten Pläne?
Es stehen so zwei, drei Filme an und auch im Theater geht es natürlich weiter. Da spiele ich den Dorfrichter Adam in „Der zerbrochene Krug“, Premiere ist am 22. September im Thalia.

Vielen Dank für deine Zeit und das Gespräch

Die nächsten Termine für den Faustmarathon finden Sie hier...
www.thalia-theater.de, www.philipphochmair.com

Fotos: Kirchner, Tedeschi. www.georgtedeschi.de